NABU.de NABU Naturschutz heute Jahrgang 2005 Heft 4 Sündenbock Kormoran
Ein Vogel als Sündenbock
Der Kormoran ist wieder in der Schusslinie
von Markus Nipkow
Im Juni diesen Jahres alarmierten Vogelschützer in Mecklenburg-Vorpommern die Öffentlichkeit. Im Naturschutzgebiet "Anklamer Stadtbruch" an der Ostseeküste vor Usedom war ein Massaker an Tausenden von Kormoranen verübt worden. Mit Genehmigung des Landesamtes für Umwelt, Naturschutz und Geologie wurden 6.950 Vögel - so die offizielle Zahl - inmitten der Brutzeit auf ihren Nestern und von Bäumen geschossen. Viele der erst wenige Wochen alten Nestlinge verendeten qualvoll oder verhungerten nach dem Tod der Eltern.
Rückfall in alte Zeiten
Man fühlt sich in längst überwunden geglaubte Zeiten zurückversetzt. Jahrhunderte der Verfolgung, in denen man die Nahrungskonkurrenten als "gefräßige Schädlinge" unerbittlich bekämpfte, endeten in der fast vollständigen Ausrottung des Kormorans. Erst nach der Unterschutzstellung erholten sich die Bestände wieder. Nach anfänglich raschen Zuwächsen haben sich die Zahlen inzwischen bei bundesweit rund 20.000 Brutpaaren stabilisiert.
NSG Anklamer Stadtbruch
Nun treffen bundesdeutsche Naturschutz(!)-behörden plötzlich wieder Entscheidungen, die alle Erkenntnisse über ökologische Zusammenhänge vollkommen ausblenden. Dabei wird auch in Kauf genommen, dass unzählige andere bedrohte Arten wie Fluss- und Trauerseeschwalbe, Schwarzhalstaucher, Große Rohrdommel und Seeadler massive Störungen erleiden. So wurden in Anklam etliche Bruten nachweislich aufgegeben, so dass bei vielen Paaren der diesjährige Nachwuchs ausblieb.
Schon als die ersten Bilder über das Massaker kursierten, reagierte der NABU und rief zu einer Protestaktion im Internet auf. Innerhalb weniger Tage beteiligten sich mehr als 1.600 Vogelfreunde. Gleichzeitig wurden Augenzeugenberichte, Zeitungsausschnitte sowie eine Fotodokumentation zusammengestellt und an die EU-Kommission nach Brüssel geschickt. Damit konnte die bereits im Herbst letzten Jahres eingereichte Beschwerde über Kormoran-Verordnungen einzelner Bundesländer und Erlasse zur Abwehr von fischereiwirtschaftlichen Schäden durch den Kormoran nochmals untermauert werden.
Keine Schadens-Nachweise
Auch in Anklam gab es keinerlei Nachweis, dass die Kormorane nennenswerte wirtschaftliche Schäden für die Fischerei hervorgerufen hätten. Besonders schwer wiegt, dass die Maßnahme ohne behördliche Kontrolle und unter Missachtung zahlreicher Auflagen erfolgte. Das Schießen in die Nester und das Wegschießen von Elterntieren mit der Folge verhungernder Jungvögel sind schwere Verstöße gegen das Tierschutzgesetz.
Die Fischer glauben, alleine der Hinweis darauf, wie viel Gramm Fisch ein Kormoran pro Tag verzehrt, genüge als Schadensnachweis. Dabei stehen auf dem Speisezettel der Kormorane größtenteils wirtschaftlich uninteressante Arten. Auch ist längst erwiesen, dass von einer Überpopulation des Kormoran keine Rede sein kann. Die Vögel vermehren sich nur in dem Maße, wie es das Nahrungsangebot zulässt.
Untersuchungen, die die Staatsregierung in Bayern durchführen ließ, belegen ebenfalls die Sinnlosigkeit von "letalen Vergrämungen". So führte der Abschuss von Kormoranen am Chiemsee zu einer deutlich erhöhten Fortpflanzungsrate in der Folgezeit. Hinzu kommt, dass sich die überlebenden Kormorane vermehrt auf andere Regionen verteilen, wo sie neue Kolonien gründen. Die Bejagung verursacht auch mehr Flugbewegungen und dadurch einen höheren Energieverbrauch und Nahrungsbedarf der Vögel. So gehen die Schüsse auf Kormorane am Ende nach hinten los.
Feuer frei auch am Rhein
Wo dennoch Maßnahmen erforderlich sind - wie etwa an Fischzuchtanlagen - müssen diese an den Gewässern und nicht bei den Kormoranen ansetzen. Hier hat sich gezeigt, dass passive Abwehrmaßnahmen langfristig wirksamer sind, vorausgesetzt man akzeptiert die Vögel an den größeren, natürlichen Gewässern.
Doch nach Jahren der Auseinandersetzung und unzähligen Studien über den Einfluss des Kormorans auf Fischbestände scheinen die Fronten verhärteter denn je. So gab das Regierungspräsidium Freiburg vor wenigen Wochen den Forderungen einiger Angler nach und genehmigte den Abschuss von Kormoranen in einem Vogelschutzgebiet am Rhein zwischen Märkt und Breisach. Offenbar hilft hier nur eines: den Protest gegen die Allianz der Uneinsichtigen noch deutlich zu verstärken.
Weitere Infos zur Biologie des Kormorans, zu Ernährung und Bestandsentwicklung auf unseren Internet-Sonderseiten. Dort kann man auch an einer Protestaktion gegen die am Rhein geplanten Abschüsse teilnehmen.

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