NABU.de NABU Naturschutz heute Jahrgang 2005 Heft 4 Interview Steffi Ober
"Es mangelt an demokratischer Kontrolle"
Interview mit Steffi Ober, NABU-Expertin für Grüne Gentechnik
Warum sollte sich der Naturschutz mit der Grünen Gentechnik befassen?
Ziel des Naturschutzes ist es ja grundsätzlich, die Artenvielfalt, die Vielfalt der Lebensräume und die Erholungsqualität der Landschaft für die Menschen zu erhalten und weiter zu entwickeln. Der kommerzielle großflächige Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen, kurz GVO genannt, gefährdet dieses Ziel.
Inwiefern?
Die Gentechnik ist eine prinzipiell neue Art der Züchtung. Nie zuvor konnte sich das Erbgut von Mikroorganismen, Pflanzen und Tieren mischen. Heute kann man mit der Gentechnologie in ein Schweingenom ein menschliches Genom einfügen. Oder die Kälteresistenz der Flunder in die Erdbeere bringen, um deren Anpassungsfähigkeit zu erhöhen. Und dabei wissen wir über Auswirkungen dieser massiven Eingriffe in die Zellsteuerung nur sehr wenig.
Angesichts dieser Wissenslücken ist Grüne Gentechnik aber erstaunlich erfolgreich...
Das ist ein Mythos: Nur 4,5 Prozent der Weltanbaufläche sind mit Gen-Sorten bebaut, davon wiederum 85 Prozent in den USA und Argentinien und der Rest weitgehend in Kanada, Brasilien und China. In den anderen 190 Staaten der Welt kommen Genpflanzen noch nicht einmal auf 0,05 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche.
Wer verdient denn nun an Grüner Gentechnik?
Mit dem US-Konzern Monsanto verfügt ein einzelnes Unternehmen über 90 Prozent des Weltmarktanteils für gentechnisch verändertes Saatgut. Dieses ist durchschnittlich 25 bis 35 Euro pro Hektar teurer als konventionelles, führt aber zu keinen spürbar höheren Erträgen. Im Ergebnis erzielen Landwirte niedrigere Gewinne mit Gen-Sorten als mit konventionellen Sorten.
Und wie könnte sich der vermehrte Einsatz Grüner Gentechnik auf den Natur- und Artenschutz auswirken?
Nehmen wir mal Wildkräuter, die bekanntlich Nahrungsgrundlage für zahlreiche Tiere sind. Neueste Studien aus England zeigen, dass der Anbau von herbizidresistentem Gen-Raps erhebliche Folgen für die Artenvielfalt hat. Der Einsatz von Breitbandherbiziden führt dazu, dass, die Bestände von Schmetterlingen, Bienen und Erdhummeln einbrechen und zudem 30 Prozent weniger Futterpflanzen für Vögel existieren. In einer Computer-Simulation rechnen britische Forscher vor, dass der Anbau von herbizidresistenten Zuckerrüben innerhalb von 20 Jahren zum Aussterben der Feldlerche führen könnte.
Dabei hieß es doch, der Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmittel werde zurückgehen...
Die Realität zeigt, dass der Pestizideinsatz binnen neun Jahren um mehr als ein Zehntel gestiegen ist und sich zudem noch resistente Super-Unkräuter entwickelt haben - wie der Raps in Kanada, der gegen drei verschiedene Unkrautbekämpfungsmittel unempfindlich wurde. Rapssamen bleiben im Boden über zehn Jahre keimfähig und wachsen immer wieder durch; sie müssen dann mit noch härteren Mitteln bekämpft werden.
Ein weitere Werbespruch: Agro-Gentechnik löst das Welthungerproblem.
Hunger ist in den Entwicklungsländern prinzipiell ein Verteilungs- und kein Produktionsproblem. Auch in den armen Ländern gibt es durchschnittlich genügend Nahrungsmittel. Rund 80 Prozent der angebauten Gen-Sorten werden nicht für den menschlichen Verzehr, sondern als Futtermittel unmittelbar oder mittelbar für Industrieländerbedarf angebaut. Gentechnisch veränderte Pflanzen sind zudem mit Patenten belegt. Die Zahlung von Lizenzgebühren an den Patenthalter stellt jedoch für die Landwirte in Entwicklungsländern eine schwere bis untragbare betriebswirtschaftliche Belastung dar.
Wie reagiert die Politik auf die geschilderten Probleme?
Es mangelt grundsätzlich an demokratischer Kontrolle. 90 Prozent der Forscher arbeiten im Dienst der Industrie. Die Zulassung gentechnisch veränderter Pflanzen in den USA und in der EU erfolgen ausschließlich auf der Grundlage von Firmendaten. Diese werden von Fachgremien beurteilt, deren Entscheidungsgrundlagen nirgendwo öffentlich diskutiert werden. Die rot-grüne Bundesregierung hat zwar mit der Novellierung des Gentechnikgesetzes die entsprechenden EU-Richtlinien weitgehend umsetzt. Darin wird das Vorsorgeprinzip zum Schutz von Mensch, Tier und Umwelt immerhin als Leitgedanke großgeschrieben, jedoch nicht weiter präzisiert, wann zum Beispiel ein "erheblicher Schaden" für die Natur eintritt.
Wie fällt der Blick der Expertin in die Zukunft aus?
Nach dem Willen der Industrie sollen neue transgene Pflanzen Medikamente, Chemikalien oder Rohstoffe für den Energiebedarf produzieren. Wenn zusätzlich zu den Nahrungsmitteln vermehrt gentechnisch veränderte nachwachsende Rohstoffe auf den Feldern wachsen, dann führt dies zur weiteren Intensivierung der Landwirtschaft und zu erheblicher Flächenkonkurrenz um Stilllegungsflächen. Dies birgt Konflikte mit den Zielen des Naturschutzes, denen wir uns stellen.
Mit Steffi Ober sprach Bernd Pieper.

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