NABU.de NABU Naturschutz heute Jahrgang 2005 Heft 4 Grüne Gentechnik

Künftig keine Wahl mehr?

Das Verbraucherrecht auf gentechnikfreie Lebensmittel wankt

von Stephan Börnecke

In Kürze: Was wird angebaut | Fachtagung | NABU-Infos


Silomais

Die Gentechnik auf deutschen und europäischen Feldern ist auf dem Vormarsch. Erstmals haben deutsche Bauern in diesem Jahr gentechnisch veränderten Mais kommerziell angebaut - allerdings auf nur wenigen hundert Hektar und damit in weit geringerem Umfang als möglich. Doch der Einstieg ist da.

Während vor allem konservative Politiker den Siegeszug der Gentechnik auf dem Acker durchfechten, verfolgen manche Lebensmittel-Unternehmen einen ganz anderen Weg. Ob die Fuldaer Supermarktkette Tegut, die nordhessische Bauernmolkerei, die bayerische Molkerei Andechs oder Emmi aus der Schweiz: Sie handeln und produzieren konventionell erzeugte Milch von Kühen, die garantiert kein gentechnisch verändertes Futter im Trog haben.

Gentechfrei als Gütezeichen

Butter

Was ist drin in der Butter?

Vorreiter war Tirol-Milch in Österreich, wo es die gentechfreie Milch seit September 2003 gibt. An dem seit wenigen Monaten auf dem Markt befindlichen Produkt der hessischen Upländer Bauernmolkerei sind zunächst 42 konventionell arbeitende Landwirte einer Erzeugergemeinschaft aus Nordrhein-Westfalen beteiligt. Sie liefern im Jahr neun Millionen Liter Milch an die sonst auf die Herstellung von Bio-Produkten spezialisierte Molkerei. Die Milch wird zusammen mit der Fuldaer Lebensmittelkette Tegut vermarktet.

Hauptproblem ist dabei die Beschaffung von Futter-Soja, das aus garantiert gentechfreiem Anbau stammt. Soja ist als preiswerter und energiereicher Eiweißträger wesentlicher Bestandteil der Kraftfuttergaben und hat in dieser Funktion auch das seit der BSE-Krise verbotene Tiermehl ersetzt. Doch derartiges Soja aus ist zunehmend schwerer zu beschaffen: Weltweit wird bereits mehr als die Hälfte der Sojabohnen aus gentechnisch veränderten Sorten erzeugt.

Sojabohnen

Sojabohnen

Selbst Soja, das aus nicht gentechnischem Anbau stammt, wird hier zu Lande in der Regel als Gen-Soja vermarktet. Sämtliche Säcke tragen den Aufdruck "hergestellt aus gentechnisch veränderten Soja-Bohnen". Die Händler schützen sich damit vor Regressforderungen und sparen sich aufwändige Analysen.

Offensichtlich haben Industrie und Futtermittelhandel kein Interesse am Aufbau einer Logistik, Lagerung und Kontrolle der Warenströme gentechnikfreier Futtermittel. Der Chef des Zertifizierungsunternehmens Genetic ID, Jochen Zoller, appelliert deshalb an die deutschen Lebensmittelverarbeiter und Futterhersteller, verstärkt in den Soja-Produktionsländern gentechnikfreie Ware zu ordern, um diese Warenströme in Gang zu halten. So habe seine Firma 2004 zwar acht Millionen Tonnen aus Brasilien als gentechnikfrei zertifizieren können. Davon seien jedoch mehr als fünf Millionen Tonnen ohne diese Auszeichnung vermarktet worden, da die Nachfrage ausgeblieben sei. Nach wie vor gebe es vor allem in Brasilien und in Indien ausreichende Mengen an herkömmlichem Soja.

Öko-Sojabohnen

Öko-Sojabohnenanbau garantiert Gentech-Freiheit.

Recherchen der Frankfurter Rundschau zeigen ein ähnliches Bild. So sitzt das Hanauer Raiffeisen-Lager auf gentechfreiem Sojaschrot, aber die hessischen Landwirte wissen nichts davon. Grund: Die in Köln ansässige Raiffeisen-Warenzentrale macht für das gentechfreie Soja keinerlei Werbung. Anscheinend betreibe Raiffeisen das Lager nur als Umschlagplatz für den Weitertransport nach Österreich, Italien oder Slowenien, kritisiert Dietmar Groß, Biolandwirt und Vorstandsmitglied der Marketinggesellschaft "Gutes aus Hessen".

Spuren im Supermarkt
Während Milch aus mit Gensoja gefütterten Kühen nicht gekennzeichnet werden muss, gilt seit April 2004 für die meisten verarbeiteten Lebensmittel eine Deklarierungspflicht, sobald bezogen auf die einzelne Zutat mehr als 0,9 Prozent gentechnisch veränderte Rohstoffe enthalten sind. Noch sind solche gentechnisch veränderten Lebensmittel in den Supermarktregalen selten. Die Kontrollen der Lebensmittelbehörden aber zeigen, dass längst hat eine schleichende Verunreinigung eingesetzt hat. So haben Fahnder in Hessen jüngst einen Döner-Produzenten ermittelt, dessen Soja-Öl aus gentechnischer Produktion stammte. Und auch in Baden-Württemberg stellte man deutliche Ausreißer fest: Ein importiertes Nudelgericht hatte einen Sojaöl-Anteil gentechnischer Herkunft von mehr als 50 Prozent; war aber nicht gekennzeichnet. Die Erkenntnisse in Baden-Württemberg zeigen, dass in etwa einem Drittel der soja- oder maishaltigen Nahrungsmittel Spuren gentechnisch veränderter Organismen unterhalb der Kennzeichnungspflicht enthalten sind. Untersuchungen aus Nordrhein-Westfalen gehen gar von 50 Prozent aus.

Tomaten

Noch verzichten die allermeisten Firmen darauf, Substanzen aus dem Gen-Anbau zu deklarieren und versuchen stattdessen, die Produkte möglichst frei von gentechnisch veränderten Rohstoffen zu halten. Allerdings gäben sich einige Hersteller manchmal vorschnell mit einem negativen Labor-Ergebnis zufrieden, so der Lebensmittelchemiker Hans-Ulrich Waiblinger, und unterließen weitere Nachforschungen. Die aber seien mitunter nötig. In Sojalecithin etwa sei oft nicht mehr genug oder gar keine Erbsubstanz der Bohnen vorhanden, um in einer herkömmlichen Analyse eine Aussage über die wahre Herkunft zu treffen. In diesem Fall sei es zwingend, die ursprünglich verwendeten Soja-Bohnen zu untersuchen oder verlässliche Daten über sie zu erhalten. Manche Analysen seien deshalb "fast ohne Wert", meint Waiblinger.

Gen-Plakat Grüne, BT-Wahlkampf 2005

Steuerzahler soll
Haftungsrisiko mittragen

Inzwischen droht dem Gentechnik-Gesetz der alten rot-grünen Bundesregierung die Rolle rückwärts. Geht es nach der CDU, soll ein geplanter Haftungsfonds zu erheblichen Teilen vom Steuerzahler finanziert werden. Obwohl Verursacher, würden Saatgutindustrie und Gen-Bauern also nicht alleine haften, wenn auf dem Nachbaracker durch Auskreuzungen Verunreinigungen die Vermarktung der Ernte als gentechnikfrei unmöglich machen. Hinzu kommt, dass der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen selbst dann noch erlaubt bleiben soll, wenn Verunreinigungen von konventionellem oder biologischem Anbau auf Nachbarfeldern nicht verhindert werden können. Mindestregeln für den Umgang mit der Gentechnik soll es nicht mehr geben. Mehr noch: Werden Pflanzen mit ausgekreuzten Partikeln nicht genehmigter, noch im Versuchsanbau befindlicher Gen-Saaten verunreinigt, dann soll diese Gen-Ernte trotzdem vermarktbar bleiben.

Wie unsensibel manche CDU-Politiker beim Umgang mit dem Gentechnik auf dem Acker sind, offenbarte kürzlich der hessische Umweltstaatssekretär Karl-Winfried Seif: Der "Käuferanspruch" auf garantiert gentechnischfreie Lebensmittel lasse sich seiner Meinung nach auf Dauer nicht einlösen. Zwar setze auch er sich für "die Sicherstellung der Wahlfreiheit" ein. Doch letztlich sei die Ausbreitung auf den Feldern nicht aufzuhalten, auch gar nicht wünschenswert. Schließlich dürfe die deutsche Forschung nicht abgehängt werden.

Der Autor ist Redakteur der Frankfurter Rundschau.

Was wird angebaut?
Von allen gentechnisch veränderten Nutzpflanzen macht herbizidresistentes Soja ("Roundup Ready") mit derzeit 48,4 Millionen Hektar weltweit rund 60 Prozent der Anbaufläche aus. Es folgen Mais und Baumwolle mit insektengiftigen Bt-Genen (11,2 beziehungsweise 4,5 Millionen Hektar) sowie herbizidresistenter Mais und Raps.

Gentechnik-Fachtagung
Am 25. Januar veranstaltet der NABU in Berlin eine Fachtagung "Plants for the Future - künftig nur noch mit Gentechnik? Konflikte mit Biodiversität und Naturschutz sind vorprogrammiert." Themen sind unter anderem "gentechnisch veränderte Organismen der zweiten und dritten Generation", Risikobewertung und Gesetzgebung sowie Alternativen zur Biotechnologie. Info: Tel. 030-28 49 84-25, steffi.ober@nabu.de.

NABU-Infos
Auf unseren Gentechnikseiten bieten wir ausführliche Informationen zur Grünen Gentechnik, darunter alle NABU-Studien, Positionspapiere und Forderungen, Terminankündigungen, Literaturtipps und Links sowie aktuelle Nachrichten zu NABU-Aktionen und zur rechtlichen Entwicklung.

mehr zum Inhaltsverzeichnis der Ausgabe 4/05...

Online spenden

 

NABU Regional

NABU Regional Schleswig-Holstein Hamburg Mecklenburg-Vorpommern Berlin Brandenburg Sachsen Sachsen-Anhalt Thüringen Bremen Nordrhein-Westfalen Hessen Saarland Baden-Württemberg Bayern Rheinland-Pfalz Niedersachsen
Niedersachsen
Rheinland-Pfalz
Saarland
Baden-Württemberg
Bayern
Schleswig-Holstein
Hamburg
Berlin
Mecklenburg-Vorpommern
Brandenburg
Sachsen
Sachsen-Anhalt
Thüringen
Bremen
Nordrhein-Westfalen
Hessen

Zentren
Schutzgebiete
Gruppen

 

Service

E-Cards

Versenden Sie ganz persönliche Naturgrüße an Freunde und Bekannte

NABU E-Cards

Podcasts

Ab sofort gibt es den NABU zum Hören. Vogelstimmen, Musik und Interviews machen den Podcast zu einem wahren Vergnügen fürs Ohr.

NABU Podcast zum Hören

NABU-Newsletter

Jeden Freitag neu - mit Terminen und Nachrichten aus Ihrer Region.

NABU-Desktopvorlagen

Verbandsnetz

Das gemeinsame Netzwerk für alle Aktiven in NABU, NAJU und LBV

NABU-Verbandsnetz

 

Vogel des Jahres

Bekassine

Die Bekassine ist Botschafterin für Moore und Feuchtwiesen. Mehr

 

Vogelfreund werden

Vogelfreunde

„Vogelfreunde“ bei Facebook: Für alles, was Federn hat Mehr

 

Von Aal bis Zilpzalp

Federlibelle

Über 300 Pflanzen- und Tierporträts im NABU-Artenlexikon Mehr

 

Kurznachrichten

Twitter

Was zwitschert der NABU? Mehr