NABU.de NABU Naturschutz heute Jahrgang 2005 Heft 2 Umweltstation Altmühlsee
Vogelparadies aus Menschenhand
Die LBV-Umweltstation am Altmühlsee
von Hartmut Netz
Teichrohrsänger
Gebannt lauschen Anja und Julia den Vogelstimmen: Dem zwitschernden Geplauder der Rauchschwalbe, den geflöteten Jubelversen der Mönchsgrasmücke, der phantasievoll sprudelnden Melodie des Blaukehlchens. Dazwischen erklingt immer wieder das helle Kiewitt des Kiebitz. "Der Kuckuck ist der Coolste", sagt Kevin, der neben die Mädchen getreten ist. "Der sagt, wie er heißt." Er drückt einen Knopf auf dem Pult vor ihnen und ein Kuckucksruf ertönt.
Anja, Julia und Kevin gehören zur Klasse 4a der Grundschule von Muhr am See, einem 2.200-Einwohner-Ort am Ufer des Altmühlsees. Gemeinsam mit 17 Mitschülern strolchen die drei durch die Vogel-Ausstellung, die der Landesbund für Vogelschutz dort in seiner Umweltstation betreibt. Oben auf der Galerie des scheunenartigen Neubaus steht Stationsleiterin Heidrun Albrecht; eine kleine, energische Person in grauen Jeans und schwarzem Pulli. Sie ist umringt von Kindern und hält ein Beutelmeisen-Nest in die Höhe: "Stellt euch vor", ruft sie: "Weil das Nest so warm ist, hat man früher Kinder-Pantoffeln daraus gemacht." Die Biologin lässt das Nest herumgehen und 20 Kinderhände streicheln andächtig über das federleichte Gewebe aus Pflanzenwolle und Tierhaaren.
Naseweis auf der Spur des Bibers
Dann drängt sie zum Aufbruch. Bewaffnet mit Ferngläsern machen sich die Kinder auf den Weg zum See - vorneweg die Lehrerin und Heidrun Albrecht.
Biber Paul ist immer dabei...
Unter Gelächter und Geschrei stapfen die Kinder durch den Schnee, überqueren einen Holzsteg und folgen einem Pfad, der sich zwischen Buschwerk und schmächtigen Bäumen hindurch ins Innere des Natuschutzgebietes Vogelinsel windet. An einem Baum, dessen Stamm aussieht als sei er auf Kniehöhe mit dem Stemmeisen bearbeitet worden, macht der Trupp halt. Welches Tier das gemacht habe, will die Naturschützerin wissen: "Wer die Antwort kennt, presst den Zeigefinger auf die Nase", kommandiert sie. "Eins, zwei, drei." - "Ein Biber", rufen die Kinder im Chor: "Naseweis" nennt Heidrun Albrecht das Ratespiel, denn nimmt man beim Antworten den Finger von der Nasenspitze, bleibt ein weißer Fleck.
Die Vogelinsel im Altmühlsee
Drei Biber-Familien gebe es auf der Vogelinsel, erklärt sie beim Weitergehen. Wieder überqueren sie einen Holzsteg. Ein Blick ins Wasser gibt eine Ahnung davon, was hier einmal war, bevor der Altmühlsee entstand: Halb vermoderte Baumstümpfe und Überreste von Fundamenten zeugen von einer Zeit, als sich die Altmühl mit ihren Nebenarmen durch weitläufige Feuchtwiesen schlängelte. Damals spannten sich überall Brücken über das Schwemmland, auf denen die Bauern das Heu trockenen Fußes zu ihren Höfen karrten. Anfang der 80er Jahre wurde der See gebaut; er fängt das Hochwasser der Altmühl ab und leitet es in den Großen Brombachsee, wo es dem wasserarmen Regnitz-Main-Gebiet zugute kommt.
Vogelinsel aus Ausgleich für Wiesenflutung
Als der Altmühlsee 1984 geflutet wurde, versanken in den Wassermassen auch 4,5 Quadratkilometer Feuchtwiesen, die zuvor Heimat für Bekassinen, Brachvögel, Uferschnepfen und andere seltene Vögel gewesen waren.
Urlauber und Wildgänse
"Als Ausgleich wurde die Vogelinsel angelegt", erklärt Heidrun Albrecht den Kindern, während sie eine auf Stelzen montierte Beobachtungsplattform ansteuert. Als oben alle versammelt sind und die Kinder die Vogelinsel per Fernglas erforschen, zeigt sich bald, dass dieser wasserdurchsetzte Flickenteppich aus kleinen Inseln und winzigen Inselchen weit mehr ist als nur Ersatz für das Schwemmland. Denn das Naturschutzgebiet, das knapp die halbe Seefläche einnimmt, kombiniert Flachwassergebiete, Kiesbänke, Schlickzonen, Schilfwälder, Feuchtwiesen und Buschland zu einem begehrten Brut-, Rast- und Mauserplatz für bislang knapp 300 nachgewiesene Vogelarten.
Zwischen Käseglocke und Disneyland
Der Eingangsbereich der LBV-Umweltstation Altmühlsee.
Von der Artenvielfalt sehen die Kinder heute jedoch nur wenig. Denn das Buschland ist kahl, der See eine geschlossene Eisfläche und der Himmel bewölkt. Am Horizont kreist ein einsames Seeadler-Pärchen, auf einem Inselchen äst ein Trupp Graugänse. "Die Gänse finden nicht mehr nach Spanien", sagt Heidrun Albrecht. "Die haben ihr Zugverhalten verloren und sind das ganze Jahr über bei uns." In der Ferne bewegt sich ein schwarzer Punkt: ein Hund? Aufgeregt hantieren die Kinder mit den Ferngläsern. Vögel entdecken sie heute allerdings keine mehr, denn erst im Frühjahr, wenn Feldschwirle im Röhricht ihr schwirrendes Lied anstimmen, Kampfläufer auf den Wiesen patrouillieren und Fischadler im Niedrigflug über das Wasser gleiten, wird es wieder lebhaft auf der Vogelinsel.
Kinder am Landschaftsmodell in der LBV-Ausstellung.
Die Bojenkette, die den See in zwei Hälften teilt, ist auch ohne Fernglas gut zu erkennen. Dahinter beginnt die Freizeit-Zone, die für Schwimmer, Surfer und Segler freigegeben ist und Muhr zum Touristenzentrum gemacht hat: "Tourismus und Naturschutz sind kein Widerspruch", versichert Heidrun Albrecht. Mit Fledermausnächten, Kräuterwanderungen und vogelkundlichen Führungen versucht sie, Feriengäste für die Schönheit der Natur zu begeistern. "Manchmal bekomme ich zu hören, die Vogelinsel sei eine Art Disneyland", sagt sie und lacht. "Aber Natur unter der Käseglocke lässt die Menschen unberührt." Sie sammelt die Kinder zum Rückmarsch: "Nur wer die Natur kennt, schützt sie auch."
Die Umweltstation Altmühlsee in Kürze
- Programm: Daueraustellung "Lebensraum Altmühlsee - Faszination Vogelzug" (auf 350 Quadratmetern). Umwelt-Bibliothek. Vogelkundliche Führungen, Kräuterwanderungen, Fledermaus-Nacht. Reichhaltiges Kinderprogramm, unter anderem Bibersuche, Kindergeburtstag in der Natur und Steinzeit-Abenteuer. Angebote für Schulklassen und Jugendgruppen.
- Öffnungszeiten: 1. Mai bis 31. Oktober täglich von 10 bis 17 Uhr. 20. März bis 30. April an Donnerstagen und Sonn- und Feiertagen von 13 bis 15.30 Uhr. Im Winter geschlossen, Gruppen-Termine können jedoch jederzeit vereinbart werden.
- Anfahrt mit der Bahn: Die Regionalbahn Würzburg-Treuchtlingen verkehrt stündlich. Vom Bahnhof in Muhr in 20 Gehminuten zur Vogelinsel. Mit dem Auto: B13 zwischen Ansbach und Gunzenhausen. Parkplatz am Seezentrum in Muhr, von dort 25 Gehminuten bis zur Vogelinsel.
- Kontakt: Umweltstation Altmühlsee, Schloßstraße 2, 91735 Muhr am See, Tel. 0 98 31-48 20, Fax 0 98 31-18 82, altmuehlsee@lbv.de.

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