NABU.de NABU Naturschutz heute Jahrgang 2004 Heft 4 Weißstorchbilanz 2004
Gut geklappert, Adebar
2004 war ein erfolgreiches Storchenjahr
von Helge May
Ein Lied für den Storch | Storchenstatistik 2003 | Weißstorchschutz im NABU
Storchenküken in Vetschau (Internetkamerabild)
Bospo staunt nicht schlecht: Es ist Mitte August und er sitzt ganz allein im Nest. Keine Eltern, die ihn füttern, und auch die beiden Geschwister Adi und Hadschi scheinen auf und davon.
Tatsächlich ist der Sommer in diesem Jahr für die Vetschauer Internetstörche besonders früh zu Ende gegangen. Seit einigen Jahren wird der Storchenhorst in der Spreewaldgemeinde während der Brutsaison rund um die Uhr von einer Kamera gefilmt, die ihre Bilder live ins Internet überträgt. Für hunderttausende Vogelfreunde aus der ganzen Welt ist es zur lieben Gewohnheit geworden, regelmäßig per Mausklick bei den NABU-Störchen vorbeizuschauen, um am Familienleben teilzuhaben, sich mitzufreuen und mitzuleiden. Da gibt es Rivalenkämpfe am Nest zu sehen, viel Geklapper und Liebesspiel, Brut und Fütterung, schließlich das Flüggewerden der Jungstörche und die ersten Flugversuche.
Viele Dreier- und Viererbruten
So genannter Kronismus bei Familie Storch: Ein Altvogel frisst sein Junges.
Reicht die Nahrung in den Wiesen der Umgebung nicht aus, alle hungrigen Schnäbel zu füttern, greifen die Eltern zu einem drastischen Mittel: Das jüngste und schwächste Storchenkind wird aus dem Nest geworfen - so auch 2004 wieder. Eher ungewöhnlich ist, dass die Altstörche bereits vor ihrem Nachwuchs Richtung afrikanisches Winterquartier abreisen. "Normalerweise machen sich zunächst die Jungen auf die Reise, und die Alten erholen sich noch ein paar Tage vom Aufzuchtstress", weiß Storchenbetreuer Winfried Böhmer.
Auch wenn die Internetstörche nur drei Jungen durchbrachten, war das Storchenjahr im Spreewald insgesamt ein gutes. Das Wetter war zwar eher feucht. Zur kritischen Zeit aber, wenn das Federkleid der Jungstörche noch schlecht abtrocknet, ging alles glatt: "Es hat viele erfolgreiche Dreier- und Viererbruten gegeben."
Rekorde in der Elbtalaue
Noch besser sah es weiter nordwestlich in der Prignitz aus. Der Kreis in der brandenburgischen Elbtalaue hat ohnehin die höchste Storchendichte der Republik. Mehr als neun Brutpaare kommen hier auf 100 Quadratkilometer. Nach 291 Jungstörchen im vergangenen, trockenheißen Jahr zählten die Storchenschützer um Falk Schulz nun gewaltige 520 Jungstörche. Besonders eng wurde es in den Storchennestern von Kuhbier, Bentwisch, Wentdorf, Karstädt und Löcknitz: Dort bettelten nicht drei oder vier, sondern sogar je fünf Jungadebare um Futter.
Fütterung flügger Jungstörche
"2004 ist ein Super-Storchenjahr", freut sich Schulz, "das beste seit 40 Jahren, was die Brutpaare betrifft. Schon die sehr zeitige Rückkehr aus dem Winterquartier war ein gutes Zeichen, die Zugebedingungen waren offensichtlich optimal und die Vögel kamen in ausgezeichneter körperlicher Verfassung in den Brutrevieren an."
Ebenfalls gut, wenn auch auf niedrigerem Niveau, haben sich die Storchenbestände 2004 im Nordwesten entwickelt. Von den Verhältnissen Brandenburgs oder Mecklenburg-Vorpommern können die Storchenschützer im meerumschlungenen Schleswig-Holstein nur träumen. Im gesamten Land pendelt die Brutpaarzahl seit Jahren zwischen 200 und 250 - vor hundert Jahren waren es 2600. Viel mehr scheint zur Zeit nicht machbar. Zu sehr wurde die Landwirtschaft intensiviert, zu viele Wiesen in Ackerland umgebrochen.
Genügend Frösche und Regenwürmer
Dennoch: Der warme Regen ließ nicht nur das Gras sprießen, auch Frösche, Regenwürmer und anderes schmackhaftes Getier vermehrten sich prächtig. "Mit 55 Jungen haben wir im Kreis Stade einen Stand erreicht wie seit 30 Jahren nicht mehr", freut sich Storchenbetreuer Gert Dahms. Auch hier gab es in zwei Horsten die Topquote von fünf Jungvögeln.
Ganz ähnliche Jubelmeldungen kommen aus den meisten Grünlandregionen: ein "prima Storchensommer" im Kreis Stormarn, "das beste Storchenjahr seit 30 Jahren" unisono im ostholsteinischen Eutin und in den Hamburger Vier- und Marschlanden. "Von insgesamt 18 brütenden Storchenpaaren zogen in diesem Jahr 14 Paare 36 Jungvögel auf", bilanziert Hamburgs oberster Storchenschützer Jürgen Pelch stolz.
Mairegen im Süden
Selbst im Westen und Süden der Republik erholt sich Adebar. In Hessens storchenreichstem Kreis Groß-Gerau etwa zählte der NABU 91 flügge Jungstörche. Dem standen aber auch 27 Jungstörche gegenüber, die es nicht geschafft haben. "Futter war immer genug vorhanden", meint Peter Hofmann vom NABU-Kreisverband, "aber der Mai war bei uns besonders nasskalt, das hat viele Opfer gefordert".
In Nordrhein-Westfalen war der NABU-Wappenvogel zeitweise fast ausgestorben. Heute gibt es immerhin wieder 23 Storchenpaare, von denen 17 erfolgreich brüteten und 44 Jungvögel aufzogen. Das ist, die Prignitzer werden milde lächeln, sogar ein 70-Jahres-Hoch. Um den Dienst als Kinderbringer im bevölkerungsreichsten Bundesland aufrecht zu erhalten, dürfte es allerdings immer noch zu wenig sein. Vielleicht helfen die Oststörche ja aus.
Geschenk zum Jubiläum
Überhaupt sind, Rekordjahr hin oder her, die deutschen Storchenverkommen weiterhin auf Zuwanderer vor allem aus Polen angewiesen. Mit 40.000 Brutpaaren ist Polen das Storchenland schlechthin, das sind rund zehnmal mehr als in Deutschland. "Unsere Nachwuchsraten reichen nicht aus, um ohne Auffrischung von außen den Bestand zu halten", stellt Christoph Kaatz von der NABU-Bundesarbeitsgruppe (BAG) Weißstorchschutz fest. Bereits zu DDR-Zeiten gegründet, koordiniert die BAG nun seit 25 Jahren die nationalen Schutzbemühungen.
So gesehen war der Sommer 2004 auch ein schönes Geschenk der Natur zum Silberjubiläum des ehrenamtlichen Weißstorchschutzes und ein Ansporn für das nächste Vierteljahrhundert.

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