NABU.de NABU Naturschutz heute Jahrgang 2004 Heft 3 Vogelschutz in Bulgarien

Knotenpunkt des Vogelzugs

Naturschätze an der bulgarischen Schwarzmeerküste

von Hanna Karthäuser und Fabian Schmidt

Extra: Der Weg nach Poda - Reiseinformationen für Bulgarien


Weißstorchwolke Poda

Unvergessliches Schauspiel: Tausende Weißstörche im Aufwind über Poda.

Ein Erfahrungsbericht einer ehemaligen FÖJlerin und eines Zivildienstleistenden, die 2000/2001 im NABU-Naturschutzzentrum Wollmatinger Ried tätig waren. Hanna Karthäuser studiert inzwischen Landschaftsökologie in Oldenburg, Fabian Schmidt studiert in Tharandt Forstwissenschaften:

Alles begann mit einer Internet-Anzeige auf der NABU-Homepage "Zwei Praktikanten für Bulgarien gesucht" - und wenig später saßen wir im Bus auf dem Weg nach Burgas, der fünftgrößten Stadt Bulgariens, in deren Umgebung sich die international bedeutenden Brut- und Rastgebiete Poda, Mandra-Stausee, Waja- und Atanassow-See befinden.

Weißstorchwolke Poda

Zum Beweis ein kleinerer Bildausschnitt...

Das Naturschutzgebiet Poda, das für das nächste Vierteljahr unser Zuhause sein sollte, liegt unmittelbar südlich von Burgas, direkt am Schwarzen Meer, und befindet sich auf der für den Vogelzug sehr wichtigen östlichen Zugroute "Via Ponticum". So zieht der Großteil der Weißstörche Mittel- und Osteuropas auf der Reise aus den Überwinterungsgebieten im tropischen Afrika über den Bosporus entlang der südwestlichen Schwarzmeerküste. In der Region um Burgas kommt es während der Zugzeiten zu starken Konzentrationen, da sich dort gleich acht Hauptzugrouten des Weißstorchs vereinen. Jährlich überfliegen mehr als 200.000 Störche die Stadt und ihr Umland.

Bulgariens größtes Feuchtgebiet
Doch nicht nur Weißstörche, sondern auch Schwarzstörche, Pelikane und bis zu 30 verschiedene Greifvogelarten - darunter der in Deutschland stark gefährdete Schreiadler - schrauben sich über Burgas in die Höhe, um dann die Reise zu ihren Brutgebieten fortzusetzen.

NSG Poda, bulg. Schwarzmeerküste

Blick über das NSG Poda

Die Burgaser Seen und das Naturschutzgebiet Poda bilden mit einer Größe von 7000 Hektar den größten Feuchtgebietskomplex Bulgariens. Davon stehen 3000 Hektar unter Naturschutz. Bevor Ende der 1980er Jahre erste Schutzmaßnahmen unternommen wurden, haben allerdings die rasante Entwicklung Burgas zur Industriestadt und der damit verbundene Ausbau des Hafens diese ökologisch wertvollen Gebiete erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Doch nun mit Einschränkung der Umweltbelastungen gewinnt der Fremdenverkehr immer mehr an Bedeutung. Die südliche Schwarzmeerküste erhält endlich die Aufmerksamkeit, die ihr angesichts der kulturellen, landschaftlichen und ökologischen Reize gebührt.

Naturschutzzentrum Poda

Das kleine Naturschutzzentrum Poda

Einen wesentlichen Beitrag zur Etablierung des Naturschutzes in Bulgarien leistet die Bulgarische Gesellschaft zum Schutze der Vögel (BGSV). 1988 mit dem Ziel der Erhaltung der Vögel und ihrer Lebensräume gegründet, ist sie als BirdLife-Partner Pendant zum NABU und mit 3000 Mitgliedern eine der größten Naturschutzorganisationen Bulgariens. Die BGSV errichtete die ersten Naturschutzzentren Bulgariens, die von ihr als einziger Nichtregierungsorganisation eigenverantwortlich betreut werden. 1997 wurden das Naturschutzgebiet Poda sowie ein weiteres in den Ost-Rhodopen in der Ortschaft Madjarovo Nahe der griechischen Grenze errichtet. Dort gelang es unter anderem, den aus der bulgarischen Fauna verschwundenen Gänsegeier wieder einzubürgern.

Reiher, Sichler und Kormorane
Unser zeitweiliger Arbeitsplatz, das mit hundert Hektar relativ kleine Naturschutzgebiet Poda im Übergangsbereich vom Meer zum Süßwasser, ist ein ökologisches Schmuckstück. Es gibt nicht viele Orte in Europa, die auf einer so kleinen Fläche eine solche Vielzahl von Lebensräumen aufweisen und damit verbunden eine so große Artenvielfalt ermöglichen. Poda beherbergt die einzige gemischte Kolonie von Löffler, Braunem Sichler, Nacht-, Rallen-, Seiden- und Purpurreiher an der bulgarischen Schwarzmeerküste. An den Süßwasserteichen brüten zahlreiche Watvögel wie der Stelzenläufer, der Säbelschnäbler und sogar weltweit gefährdete Vogelarten wie die Moorente. Außerdem brüten auf künstlichen Holzplattformen Fluss- und Zwergseeschwalben. Eine weitere Besonderheit ist die 300 Paare zählende Kormorankolonie. Die Vögel brüten nicht im Schilf oder auf Bäumen, sondern in nicht mehr genutzten Hochspannungsmasten.

Ziehende Rosapelikane

Ziehende Rosapelikane...

255 Vogelarten sind in Poda nachgewiesen, das entspricht zwei Dritteln der gesamten Vogelwelt Bulgariens. 71 Arten stehen davon in Bulgarien auf der Roten Liste und 6 Arten gelten als weltweit stark bedroht. Neben der Vogelwelt bietet die landschaftliche Vielfalt Podas auch anderen Tieren Lebensraum, welche man durch die idealen Beobachtungsbedingungen ohne Probleme kennen lernen kann. Zum Beispiel zahlreiche Schlangenarten, den Fischotter und das kleinste Säugetiers Europas, die Etrusker-Spitzmaus, die ausgewachsen nur so groß wie ein Maikäfer wird.

Rosapelikane

...und rastend in Poda.

Das Naturschutzzentrum informiert mit einer Ausstellung über die zu beobachtenden Arten und bietet darüber hinaus auch Führungen an. Von den zwei Dachterrassen des Naturschutzzentrums und einem markierten Wegenetz aus lassen sich alle Punkte des Gebietes bestens überblicken. Der Tourismus ist für das NSG Poda ein wichtiges Standbein um die Naturschutzarbeit finanzieren zu können. Jeder Tourist trägt durch seinen Besuch und mit seiner Spende direkt zum Erhalt des Gebietes bei. Darüber hinaus unterstützen Verträge mit bekannten Reiseveranstaltern die Finanzierung. Für die hervorragende Naturschutzarbeit wurde die BGSV mit zahlreichen Preisen belohnt. Poda zählt zu den Naturschutzgebieten internationaler Bedeutung und wurde mit dem Henry-Ford-Preis ausgezeichnet.

Naturparadies in der ehemaligen Sperrzone
Neben dem alljährlichen Spektakel des Vogelzugs hat die südliche Schwarzmeerküste jedoch noch weit mehr Naturschätze zu bieten. Besonders lohnend ist das südlich gelegene Sumpfgebiet Ropotamo-Reservat samt dem daran angrenzenden Strandsha-Gebirge, mit 116.000 Hektar der größte Naturpark Bulgariens. Die weichen, bewaldeten Gipfel verleihen dem Strandsha Hügelcharakter und erwecken den Eindruck eines uferlosen grünen Meeres.

Dorf im Strandsha.

Durch die direkte Nähe zur Türkei hat sich hier während der kommunistischen Zeit unbeabsichtigt ein wahres Naturparadies entwickelt, denn anstelle eines "antikapitalistischen Schutzwalles" errichtete die Bulgarische Regierung an der Landesgrenze eine 30 Kilometer breite Sperrzone, um zu verhindern, dass die Bevölkerung in die Türkei fliehen konnte. Diese Sperrzone verlief direkt durch das Strandsha-Gebirge, wodurch sich die Natur in diesem Gebiet für die Dauer von Jahrzehnten fast unbeeinflusst vom Menschen entwickelte. Die einzigen Menschen, die sich innerhalb dieser Zone aufhalten durften, war die dort schon seit Jahrhunderten im Einklang mit der Natur lebende Bergbevölkerung.

Birding Strandsha-Gebirge

Blick ins Strandsha-Gebirge

Heute leben im Strandsha fast 8.000 Menschen, die sich der ökologischen und kulturellen Bedeutung ihres Lebensraumes durchaus bewusst sind und ihren ursprünglichen Charme und viele der alten Traditionen bis heute beibehalten haben. Während sie in der Vergangenheit hauptsächlich in der Holz-, Vieh- und Forstwirtschaft sowie dem Bergbau arbeiteten, entwickelt sich nun der Tourismus zu einem ertragreichen Standbein. Von der Naturparkverwaltung wird die Bevölkerung fest in das Managementkonzept eingebunden und eine nachhaltige Entwicklung der Region durch umsichtige Verwendung der natürlichen Ressourcen angestrebt und eine wirtschaftliche Entwicklung gefördert, die mit der Natur und den Dorfbewohnern im Einklang steht.

Spenden und Praktika
Schon während des Praktikums beschäftigten uns viele Gedanken, wie wir von Deutschland aus dem BGSV weiterhin helfen können und so gründeten wir im Februar diesen Jahres den "Verein zur Förderung der Bulgarischen Gesellschaft zum Schutze der Vögel". Die wirtschaftliche Situation Bulgariens ist momentan schwierig, was das Sammeln von Spenden im Inland nahezu aussichtslos macht. Somit ist der BGSV auf Spenden aus dem Ausland angewiesen und dabei wollen wir ihn unterstützen.

Praktikanten Poda

vlnr.: Anton Kovachev vom Naturschutzzentrum Poda, unsere Autoren Fabian Schmidt und Hanna Karthäuser sowie Petar Iankov, Zoologieprofessor in Sofia und einer der Gründer der Bulgarischen Gesellschaft zum Schutze der Vögel.

Gemessen an den Verhältnissen in Deutschland ist es in Bulgarien möglich, mit relativ wenig Geld sehr viel zu bewirken. Bulgarien ist nach Spanien das Land mit der höchsten Artenvielfalt in Europa. Wir laden alle Interessenten recht herzlich dazu ein, uns bei der Unterstützung der BGSV behilflich zu sein. Schreiben Sie einfach eine E-Mail an info@bgsv.org oder informieren Sie sich auf www.bgsv.org über den Verein und das Schutzgebiet.

Noch sind große Teile Bulgariens weitgehend vom Menschen unberührt. Setzten Sie sich mit Ihrer Spende dafür ein, dass dies auch in Zukunft der Fall sein wird und auch unsere Kinder noch die Möglichkeit haben werden, die Naturschätze Bulgariens entdecken zu können.

Praktikum in Bulgarien: Der NABU Jena arbeitet seit drei Jahren mit dem Naturschutzzentrum Poda zusammen und organisiert jährlich ein bis zweimonatige Praktika. Bei Interesse wenden Sie sich bitte an den NABU Jena, Christian Bollensdorff, Info@NABU-Jena.de.

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