NABU.de NABU Naturschutz heute Jahrgang 2004 Heft 2 Kaukasus
Vorentscheidung im Kaukasus
Russlands Naturreservate geraten zunehmend unter Erschließungsdruck
von Nicole Kovalev
Extra: Wandern im Kaukasus...
Kaukasusgipfel Achich Bog
Seit zehn Jahren unterstützt der NABU das wichtigste Naturschutzgebiet des Kaukasus, das "Staatliche Kaukasische Biosphärenzapovednik". Zapovednik bedeutet so viel wie Totalreservat. Das Schutzgebiet feiert in diesem Jahr gleich drei runde Geburtstage. Im Mai wird es 80 Jahre alt, vor 25 Jahren hat es das Prädikat eines UN-Biosphärenreservates erhalten und seit 5 Jahren ist es Weltnaturerbegebiet der Menschheit. Auf knapp 3.000 Quadratkilometern steht weit abseits der Krisenherde des Kaukasus ein Hochgebirgssystem unter Schutz, dass in dieser Großräumigkeit und Natürlichkeit einzigartig für Europa und Westasien ist.
Wüste und Wälder begegnen sich
Auf begrenztem Raum begegnen sich arktische Tundrenzone im Hochgebirge, Elemente mittelasiatischer Wüsten, eurosibirische Steppen und sommergrüne Laubwälder mit vielen endemischen Arten. Die Vegetation reicht von Halbwüsten und Grassteppen über Waldgebiete, subalpine Hochstaudenfluren und alpine Matten in den Bergen bis zu Sumpfland.
Kaukasus-Bergwisente
Der Reichtum der Region beruht auch auf einer großen Vielfalt an unterschiedlichen Völkern und den damit verbundenen kulturellen Besonderheiten und Traditionen. Während jahrhundertlanger Naturnutzung ist eine außergewöhnliche Vielfalt an spezifische Kulturlandschaften entstanden, die deutlich die Biodiversität erhöht hat. Im Welterbegebiet Westkaukasus kann sich die Natur bisher völlig ungestört entwickeln. Hier leben 74 Säugetier- und 246 Vogelarten sowie über 3.000 Pflanzenarten.
Neben zahlreichen Jugend- und Wissenschaftsaustauschen konzentrieren sich die Aktivitäten des NABU auf Projekte zur Umsetzung eines gemeinsam mit russischen Umweltschützern, Schutzgebietsmitarbeitern und Wissenschaftlern ausgearbeiteten Plans zur nachhaltigen Regionalentwicklung der Bergregion der Republik Adygea, zu deren südlichen Teil auch Teile des Zapovedniks gehören. Eine Gruppe engagierter Naturschützer aus NABU, Grüner Liga und russischen Organisationen haben sich zu diesem Zweck zum Arbeitskreis Kaukasus zusammengeschlossen.
Gütesiegel Weltnaturerbe
Ein besonderer Schwerpunkt der Arbeiten der letzten Jahre war umweltfreundlicher Tourismus. Dazu gehörten die Sanierung und Neueinrichtung eines Umweltbildungszentrums für das Zapovednik, die Einrichtung und Finanzierung eines Touristeninformationszentrums, ein Managementplan, Routeneinrichtung für Wandertourismus im Mittel- und Hochgebirge und Weiterbildungsseminare für die Ranger. Auch die Weltnaturerbe-Nominierung des Westkaukasus mit dem Zapovendik als Kerngebiet wurde auf Initiative und in maßgeblicher Unterstützung des NABU vorbereitet.
Außerhalb der Schutzgebiete wird die Kaukasusnatur oft rücksichtslos ausgebeutet.
Die regionale politische Entwicklung gestaltete sich sehr positiv für den Naturschutz in der Republik Adygea und für das Staatliche Kaukasische Biosphärenzapovednik. Durch den Status als Weltnaturerbegebiet gelang es, die Pläne für den Bau einer Verkehrsverbindung an das Schwarze Meer über den Kamm des Großen Kaukasus und durch das Staatliche Kaukasische Biosphärenzapovednik hindurch zu verhindern. Auch Pläne der Regierung der Republik Adygea, einen wertvollen Teil des Schutzgebietes herauszulösen und für die Entwicklung eines industriellen Tourismus nach dem Vorbild der Schweizer Alpen zu entwickeln, konnten bisher verhindert werden.
Massentourismus nach Vorbild der Alpen?
Seitdem im Jahr 2000 das Staatliche Komitee für Ökologie der Russischen Föderation aufgelöst und seine Kompetenzen dem Ministerium für Naturressourcen übertragen wurden, sieht sich der Naturschutz in Russland jedoch mit immer schwerwiegenderen Konflikten konfrontiert. Es gibt ernsthafte Überlegungen, die Entscheidungs- und Verwaltungsbefugnisse zu den Zapovedniks von der Föderation an die Regionen abzugeben. Die russische Regierung legt dem Naturschutz immer engere Fesseln an und so holt auch die Regierung der Republik Adygea die alten Pläne wieder hervor, was das Schutzgebiet um 140 Quadratkilometer verkleinern würde.
Werden die Pläne umgesetzt, wäre dies ein Präzedenzfall, mit dem die Tore für eine Erschließung von Naturressourcen auch innerhalb der übrigen russischen Totalreservate geöffnet würden. Diese bedecken 1,6 Prozent der Landesfläche Russlands beziehungsweise 270.000 Quadratkilometer, das ist mehr als die Fläche der alten Bundesrepublik. Der NABU hat sich darum jetzt mit einem Schreiben an den russischen Präsidenten Putin gewandt, um im Sinne des internationalen Naturschutzes Partei für die Erhaltung des weltweit einmaligen Systems der russischen Zapovedniks zu ergreifen.
Wandern im Kaukasus
Deutsche Treckingtouristen im Kaukasus.
Seit 1999 werden in Kooperation mit dem "Forum anders reisen" naturverträgliche Wanderungen im Welterbegebiet Kaukasus organisiert, die dem Schutzgebiet und seinen Mitarbeitern ein zusätzliches Einkommen sichern, Gelder für Umweltbildungsprojekte oder dringende Reparaturmaßnahmen erwirtschaften. Schattige Wälder mit alten Buchen und bis zu 60 Meter hohen Tannen, dichter Unterwuchs aus Rhododendron und Kirschlorbeer, Lichtungen mit reicher Hochstaudenflur und blumenreiche alpine Matten charakterisieren dieses Schutzgebiet. Hinzu kommen glasklare Bergflüsse und schneebedeckte Gipfel - der höchste ist mit 3360 Metern der Akaragwarta.
Info für Kaukasusreisen: Nicole Kovalev, Arbeitskreis Kaukasus, Karlshafener Straße 35, 12623 Berlin, kovalev@ile.tu-berlin.de, Tel. 030-4 28 69 25.

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