NABU.de NABU Naturschutz heute Jahrgang 2003 Heft 4 Treibhaus Alpen
Treibhaus Alpen
Schmelzende Gletscher
Die Alpen im Klimastress
von Helge May
Jetzt hat es auch das Matterhorn erwischt. Erstmals seit der Erstbesteigung vor knapp 140 Jahren wurde der Schweizer Nationalberg in diesem Sommer gesperrt, nachdem Tauwetter in 3400 Meter Höhe große Felsen abstürzen ließ. Dutzende Bergsteiger mussten vorsorglich geborgen werden.
Fünf Prozent der Schweiz bestehen aus Permafrostboden, ist also dauerhaft gefroren. Doch die so genannte Permafrostzone verschiebt sich in immer größere Höhen. Im Rekordsommer 2003 ist die Frostgrenze auf über 4600 Meter gestiegen. Das scheinbar "ewige Eis" taut nun auf und die Berge kommen in Bewegung.
Ganze Hänge gehen zu Tal
Manchmal gleiten die Hänge im Zeitlupentempo zu Tal, aber es kann auch zu abrupten Hangrutschungen und Felsstürzen, zu Geröll- und Schlammlawinen kommen. Auch die Bauwerke, die in der Zone des ewigen Frostes früher auf den seinerzeit eisharten Boden gesetzt wurden, geraten in Schieflage. Berghütten und Pfeiler von Bergbahnen sacken millimeterweise in den weicher werdenden Boden ab.
Matterhorn
Wie kaum anderswo sind die Folgen des einsetzenden Klimawandels in den Alpen heute bereits deutlich zu spüren. Auch für die Winter befürchten Umweltexperten neue Probleme. Zwar ist nicht unbedingt mehr Schnee zu erwarten. Im Gegenteil: Weniger Schnee und mehr Regen werden die Winter der Zukunft bestimmen. Schon bei einer Erwärmung um ein Grad Celsius - was eher am unteren Rand der Prognosen liegt - wird die mittlere Schneebedeckung in manchen Regionen um vier bis sechs Wochen zurückgehen. Die Winter verlagern sich dabei mehr ins Frühjahr hinein. Das bedeutet auch mehr schweren Nass-Schnee und damit größere Lawinengefahr. Laut dem "Informationssystem Alpine Naturgefahren" sind zum Schutz vor Lawinen, Muren und Steinschläge bereits jetzt 43 Prozent der bayerischen Alpen als Tabuzonen ausgewiesen, die nicht bebaut werden dürfen.
Negative Massenbilanz
Während das Auftauen der Dauerfrostböden noch ein relativ neuer Vorgang ist, befinden sich die Alpengletscher bereits seit über 100 Jahren auf dem Rückzug. Gletscherkundler - Glaziologen - sprechen von einer negativen Massenbilanz: Im hoch gelegenen Entstehungsgebiet bildet sich weniger Gletschereis neu, als unten an der Gletscherzunge abschmilzt.
Bis auf wenige Aufnahmen haben alle Alpengletscher eine negative Massenbilanz. Seit Beginn der Industrialisierung um 1850 bis 1975 verloren die Alpengletscher im Durchschnitt etwa ein Drittel ihrer Fläche und die Hälfte ihres Volumens. Seitdem sind weitere 20 bis 30 Prozent des Eisvolumens abgeschmolzen. Die Gesellschaft für ökologische Forschung dokumentiert die Alpengletscher in ihrem Gletscherarchiv: Jeden Sommer werden die Gletscher vom exakt gleichen Standpunkt aus fotografiert. "Wir sind Zeugen des schnellsten Gletscherschwundes seit Jahrtausenden und dokumentieren mit den Aufnahmen eine Entwicklung, deren Gegenstand zunehmend verschwindet."
2100 ohne Alpengletscher?
Die Glazilogen gehen davon aus, dass die meisten Gletscher bis zum Jahr 2100 nahezu völlig abgetaut sind. Nach der Studie "Die Alpen im Treibhaus" von Greenpeace Österreich wird sich der Rückgang sogar weiter beschleunigen. Die zeitlich verzögerte Reaktion der Alpen auf erhöhte Temperaturen führt dazu, dass wir heute die Gletscherschmelze beobachten können, die im wesentlichen vor 30 Jahren verursacht wurde. In den Worten des Kieler Meteorologen Mojib Latif: "Der Zug ist abgefahren."
Auch der größte Alpengletscher, der zum Weltnaturerbe erklärte Aletschgletscher, zieht sich immer weiter zurück. Rund 30 Meter sind es jedes Jahr, um die das Eisband im Zungenbereich kürzer wird. In manchen Sommern wurden sogar Verluste von bis zu 90 Metern pro Jahr erreicht. Summiert über die letzten 110 Jahre hat der Aletschgletscher weit über zwei Kilometer an Länge verloren, und das macht sich selbst bei einem 23 Kilometer langen Gletschergiganten bemerkbar.
Deutschland - genauer: Bayern - hat nur einen kleinen Anteil an den Alpen und die hiesigen Gletscher sind Zwerge im Vergleich mit dem 8.500 Hektar bedeckenden Aletschriesen. Der Schneeferner auf der Zugspitze ist mit 45 Hektar Fläche noch der größte, das Blaueis am Hochkalter bei Berchtesgaden als nördlichster Alpengletscher überhaupt misst gerade mal 12 Hektar. Schmilzt das Eis weiter wie bisher, wird der Schneefernergletscher bereits in zwanzig Jahren verschwunden sein.
Gletscherschwund weltweit
Der Schwund der Gebirgsgletscher ist ein weltweites Phänomen. Nach Untersuchungen des "World Glacier Monitoring Service" wachsen nur noch einzelne Gletscher in Skandinavien oder Kanada. Als Folgen der Erderwärmung sind dort die Schneefälle höher als die Abschmelzraten. In allen anderen Hochgebirgen wie den Rocky Mountains, den Anden oder dem Himalaya schmelzen die Gletscher deutlich. Im vergangenen Jahr veröffentlichten die Vereinten Nationen eine Studie, die vor Flutkatastrophen durch schmelzende Gletscher in der Himalaya-Region warnt. Durch den schnellen Anstieg von Gletscherseen können Dammbrüche riesige Flutwellen auslösen. 2.000 Gletscher im Ost-Himalaya sind schon völlig verschwunden. Der Kilimandscharo, mit 5.895 Metern höchster Berg Afrikas, verlor innerhalb von zwölf Jahren ein Drittel seines Eises.
Eine weiße Eisoberfläche wirft das Sonnenlicht fast vollständig zurück. Das ändert sich, wenn Staub - in den Alpen des öfteren aus der Sahara herbeigeweht - das Eis bedeckt. Das Eis nimmt nun mehr Sonnenwärme auf und schmilzt schneller. Durch die Schwächung der Ozonschicht nimmt außerdem die energiereiche UV-Strahlung zu. Dazu kommen Verkehrs- und Industrieabgase sowie der saure Regen. Wie Untersuchungen an Fischen zeigen, ist das Wasser hochgelegener Bergseen mit Giftstoffen belastet, die hier der Kälte wegen nur langsam abgebaut werden. Gletscher speichern sozusagen die industrielle Verschmutzung. Mit dem Abschmelzen kommen diese Gifte wieder zum Vorschein.
Erst Überschwemmung, dann Wassermangel
Im Mittelalter warnten die Alpenbewohner mit Höhenfeuern vor herannahenden Feinden. Heute sind Umweltprobleme der größte Feind für die Bergregionen. Die Alpenschutzkommission CIPRA hat deshalb die alte Tradition aufgegriffen und setzt mit Fackelwanderungen und Feuerspektakeln jeweils am zweiten Augustwochenende sichtbare Zeichen für eine menschen- und umweltgerechte Entwicklung. 2003 stand wegen des UN-Süßwasserjahr das Thema Wasser im Mittelpunkt.
Das Thema hätte nicht besser gewählt sein können. Denn parallel zur Gletscherschmelze steigt zunächst die Gefahr von Überschwemmungen und in einigen Jahrzehnten, nach dem Abschmelzen der Hochgebirgsgletscher, droht Wassermangel. Ganze Regionen hängen in ihrer Trinkwasser- oder Energieversorgung vom Schmelzwasser der Gletscher ab. "Beim Rhein macht die Fläche des alpinen Einzugsgebietes nur elf Prozent aus, es trägt aber zu 31 Prozent der Wassermenge bei", so der Alpenexperte Bruno Messerli aus Bern. "In den Sommermonaten stammt sogar mehr als die Hälfte des Rheinwassers aus den Alpen." Für Rhone und Po liegen die Verhältnisse ähnlich.
Schneekanonen helfen nicht
Die Alpen sind eines der größten Fremdenverkehrsgebiete der Welt, besucht von jährlich 50 Millionen Urlaubern. Ohne Gegensteuern bei den Treibhausgasen wird an Winter- sprich Skitourismus in den mittleren Höhen in 20 Jahren nicht mehr zu denken sein. In 30 Jahren wird auch in Höhen über 1.500 Metern und später selbst in den Gletschergebieten der Wintertourismus seine Basis verlieren.
Gasthof am Flüelenpass
Die Betreiber von Skigebieten reagieren mit zusätzlichen Liften und Schneekanonen. In den bayerischen Alpen waren mit Stand Juni 2001 bereits 84 Anlagen auf einer Fläche von 345 Hektar in Betrieb, weitere 21 Anlagen mit 65 Hektar standen zur Genehmigung an. Für Skigebiete unterhalb 1500 Höhenmetern dürfte dieser Ausbau außer Schulden und ökologischen Schäden wenig bringen. Die Temperaturen für die künstliche Beschneiung sind schon heute zu hoch und der große Wasserverbrauch der Beschneiungsanlagen lässt mancherorts das Trinkwasser knapp werden.
Angeschlagener Bergwald
Verschärft wird die Lage durch den schlechten Zustand des Bergwaldes - und daran ist die enorme Verkehrsbelastung der Alpen mit Schuld. Der Waldschadensbericht zeigt, dass die bayerischen Bergwälder kränker werden: 37 Prozent der Bäume gelten als geschädigt - das sind 12 Prozentpunkte mehr als der Landesdurchschnitt. In der 1991 von sämtlichen Anrainerstaaten verabschiedeten Alpenkonvention verpflichten sich diese "unter Beachtung des Vorsorge-, des Verursacher- und des Kooperationsprinzips" zu einer "ganzheitlichen Politik zur Erhaltung und zum Schutz der Alpen". 2003 und 2004 hat Deutschland in Person von Bundesumweltminister Jürgen Trittin den Vorsitz der Konvention.
Bergwald am Königsee
In einem "Appell für eine zukunftsfähige Entwicklung der Bergwälder" fordern der NABU und andere Umweltverbände, der Schutzwirkung von Bergwäldern künftig absoluten Vorrang einzuräumen. Holzeinschlag soll nur erfolgen, wenn das sichere Aufwachsen aller standortheimischen Baumarten gewährleistet ist. Für alle Bergwaldbestände ist ein generelles Rodungsverbot zu erlassen und durchzusetzen. Dies gilt für Straßenbau und andere Großprojekte genauso wie für den Bau von Siedlungen und touristischen Einrichtungen wie etwa Skipisten.
Artensterben durch Klimawandel
Nicht nur die Bergwälder, die gesamten alpinen Ökosysteme können durch den Klimawandel zersplittert werden und viele Arten wären bedroht. So zeigen sich besonders bei der Fichte erste Alarmzeichen für ein baldiges großflächiges Absterben. Das vermehrte Auftreten von Schädlingen wie dem Borkenkäfer wird wahrscheinlicher. Die klimagestressten Pflanzen werden dadurch zusätzlich gefährdet.
Alpenprimel
Schon jetzt steigt die Alpenflora erwärmungsbedingt bergauf. Konkurrenzstarke Arten wandern nach oben, während die rare und hoch spezialisierte Hochgebirgsflora in Bedrängnis gerät. Ist der Gipfel des Berges erreicht, gibt es kein weiteres Ausweichen: Pflanzen- und Tierarten sterben aus. Wissenschaftler gehen davon aus, dass von 400 endemischen, also nur hier vorkommenden Pflanzenarten, ein Viertel vom Aussterben bedroht ist.
Buchtipps:
Werner Bätzing: Die Alpen. Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft. - 448 Seiten. 34,90 Euro. C.H. Beck 2003. ISBN 3-406-501850.
Sylvia Hamberger, Oswald Baumeister & Rudi Erlacher: Schöne neue Alpen. Eine Ortsbesichtigung. - 241 Seiten. 22,50 Euro. Raben-Verlag 1998. ISBN 3- 922696740.

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