NABU.de NABU Naturschutz heute Jahrgang 2003 Heft 3 Galgenberg Lauda

Lebensraum Galgenberg

Lebensraum Galgenberg

Vorbildliche Biotoppflege im Taubertal

von Helge May

Rotflüglige Ödlandschrecke

Rotflüglige Ödlandschrecke


Keiner da, niemand zuhause. Still liegen die gleißend hellen Muschelkalkfelsen in der Sommerhitze. Doch einen Schritt weiter und plötzlich schnellt ein rotes Etwas in die Höhe, fliegt im Bogen einige Meter und landet wieder auf dem Fels: die Rotflügelige Ödlandschrecke, eine unserer seltensten heimischen Heuschrecken.

Rot gefärbt sind jedoch nur die Hinterflügel und die verschwinden im Sitzen unter den unauffällig braunen Vorderflügeln. Wie ihre häufigere blauflügelige Zwillingsart ist die Rotflügelige Ödlandschrecke (Oedipoda germanica) am Boden fast unsichtbar. "Die Tiere sind perfekt getarnt und passen sich sogar an den Untergrund an, auf dem sie heranwachsen", weiß Rudi Tack vom NABU Lauda.

Rotflüglige Ödlandschrecke

Am Boden ist die Ödlandschrecke perfekt getarnt.

Selbst nach der Landung ist die Ödlandschrecke nicht einfach aufzuspüren, denn kurz vorher schlagen die Tiere zur Verwirrung noch einmal einen Haken. Und anders als manche andere Heuschrecken, die geübte Biologen dank ihres lauten Gesangs aus dem fahrenden Auto heraus bestimmen und kartieren können, gibt die Ödlandschrecke kaum hörbare Laute von sich. Höchstens einen Meter weit dringt das Zirpen. "Man könnte glauben, es sänge in der Nähe ein Birkenzeisig", beschreibt Rudi Tack die Balzlaute des Ödlandschrecken-Männchens.

Verbuschung der Trockenrasen
Seit vielen Jahren betreut die NABU-Gruppe Lauda den Galgenberg im „lieblichen Taubertal“, wie die Fremdenverkehrsprospekte die Region vierzig Kilometer südwestlich von Würzburg nicht zu unrecht nennen. Im Mittelalter befand sich auf der damals kahlen Hochfläche der weithin sichtbare Gerichtsgalgen.

Libellen-Schmetterlingshaft

Libellen-Schmetterlingshaft

Den Galgen gibt es schon lange nicht mehr. Und auch kahl ist der Berg nicht mehr. Die früher übliche Schafbeweidung wurde aufgegeben und in den siebziger Jahren verbuschte der Galgenberg immer stärker. Letzte Trockenrasen wurden zudem aus Unkenntnis mit Kiefern bepflanzt und ein Feldweg mitten durch das Gebiet gebaut. Die Folgen waren klar: Zuerst verschwanden die Wärme liebenden Pflanzen, dann die Insekten und schließlich auch die Vögel.

Schließlich nahmen sich Rudi Tack und seine Mitstreiter des Galgenbergs an. Der störende Feldweg wurde verlegt, die jetzt durchs Gebiete führenden Pfade lenken die Besucher naturverträglich an den empfindlichsten Stellen vorbei. Vor allem wurden die Kiefern und anderer Gehölzaufwuchs in Absprache mit der Forstbehörde entfernt und auf Antrag des NABU erhielt der Galgenberg auf acht Hektar den Schutzstatus einen Flächen-Naturdenkmals.

Weinhähnchen und Zwergmaus
Die kontinuierliche Pflege zahlt sich aus. Neben der Ödlandschrecke fühlen sich die ebenfalls bundesweit vom Aussterben bedrohte Italienische Schönschrecke und neuerdings auch das Weinhähnchen am Galgenberg heimisch. Die Schlingnatter hat hier ihr Revier, ebenso die seltene Zwergmaus und der zu den Netzflüglern zählende, gelb-schwarze Schmetterlingshaft.

Segelfalter

Segelfalter

Ungekrönter König unter den Schmetterlingen des Gebietes ist der prächtige Segelfalter. Der im Mittelmeerraum häufige Falter kommt in Deutschland nur an wenigen Stellen vor und seine Bestände nehmen immer weiter ab. Anders im Taubertal, wo der Segelfalter inzwischen Dank der umsichtigen Pflegemaßnahmen des NABU seinen baden-württembergischen Verbreitungsschwerpunkt hat. Allzu oft werden bei der Entbuschung nämlich wertvolle Schmetterlingsbiotope unwiederbringlich zerstört. Gerade der Segelfalter braucht für die Eiablage und als Raupen-Lebensraum niedrigwüchsige Schlehen. Die Trockenrasen dürfen also nie komplett kahlgeschnitten werden.

Hitzefan Segelfalter

Segelfalterraupe

Segelfalterraupe

Seine mediterrane Herkunft kann der Segelfalter nicht leugnen. "Es kann ihm gar nicht heiß genug sein", meint Rudi Tack. "Die weiblichen Falter legen die Eier in 30 bis 50 Zentimetern Höhe an den Schlehen ab, weil hier die Bodenhitze noch voll durchschlägt. Auch die Raupen sitzen immer in der prallen Sonne." Unter Ausnutzung der Hangwinde kann der Segelfalter minutenlang ohne Flügelschlag in der Luft schweben. Die Männchen besetzen Aussichtsplätze auf Bergkuppen oder Felsen - "Hilltopping" nennen das die Schmetterlingskundler. Dort treffen sich dann die Geschlechter zum Rendezvous. Eine erste Falter-Generation fliegt im Mai und Juni, in heißen Sommern wie 2002 einer war folgt am Galgenberg ab Mitte Juli noch eine zweite, weniger zahlreiche Generation. Auch 2003 sieht es ganz nach einer zweiten Faltergeneration aus.

Je nach Lebensphase benötigen die Segelfalter ganz unterschiedliche Biotope. Neben den frei stehenden Krüppelschlehen müssen deshalb auch umgebende Waldmäntel und Kräutersäume mit Nektarpflanzen wie dem Wiesenkerbel vorhanden sein. In Siedlungsnähe besuchen die Falter gerne Gärten und saugen Nektar mit Vorliebe an Flieder.

Touristisches Kapital erhalten
Als "Madonnenländchen" wird das Taubertal wegen der zahlreichen Madonnenfiguren in den Dörfern und Städtchen bezeichnet. Neben dem Weinbau ist das Flusstal mit den malerischen Kalkfelsen das größte touristische Kapital. Das hat auch die Politik eingesehen. Sämtliche Gemeinden im Main-Tauber-Kreis schlossen sich deshalb zu einem Landschaftspflegeverband zusammen, der für die naturschützerisch wie touristisch wertvolle Offenhaltung der Trockenhänge sorgt. Mehrere hundert Hektar werden seit 1999 in Zusammenarbeit mit Landwirten und NABU-Gruppen betreut.

Bodenabtrag für Ödlandschrecken

Neuer Lebensraum für die Ödlandschrecke

Speziell für die Rotflügelige Ödlandschrecke hat der NABU Lauda bereits 1995 zu einer radikal anmutenden Maßnahme gegriffen. Auf 4.000 Quadratmetern wurden Jungkiefern entfernt und mühsam die Bodenschicht bis auf den nackten Muschelkalk abgehoben. Mit Mulden, offenen Kalkstellen und kleinen erhabenen Stellen als Windschutz und Standort für Futterpflanzen entstand ein idealer Ödlandschrecken-Lebensraum. Nachdem die Tiere zuletzt nur noch in einem angrenzenden Steinbruch überlebt hatten, stand ihnen nun ein wesentlich größeres Areal zur Verfügung.

Verdoppelung der Ödlandschrecken
Wie eine im letzten Jahr entstandene Diplomarbeit der Landschaftsplanerin Christiane Maier zeigt, hat sich die Arbeit gelohnt. Durch Markierung gefangener Tiere ließ sich eine Verdoppelung der Heuschrecken-Population nachweisen.

Heuschreckenkartierung Galgenberg

Christiane Meier und Rudi Tack bei der Heuschreckenkartierung.

Für Rudi Tack ist das eine weitere schöne Bestätigung jahrzehntelangen Engagements. Seit der Gründung 1959 leitet er die NABU-Gruppe. Aus damals immerhin schon 60 Mitgliedern sind mehr als 350 geworden. 20 Schutzgebiete von Feuchtwiesen bis zu den Tauberhängen mit mehr als 40 Hektar Fläche werden intensiv betreut. Viele dieser Flächen konnten aus Eigenmitteln oder mit Sponsoren-Unterstützung sogar gekauft werden. Wenn Rudi Tack demnächst nach 44 Jahren den Vorsitz des NABU Lauda abgibt, tut er das in der Gewissheit, dass "sein" Feld bestens bestellt ist und dass sich ein fester Stamm aktiver Naturschützer weiter um die Natur im Taubertal kümmern wird.

Kontakt: NABU Lauda, Michael Salomon, Flurstraße 38, 97922 Lauda-Königshofen, Tel. 0 93 43-86 04, mi.salomon@t-online.de.

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