NABU.de NABU Naturschutz heute Jahrgang 2003 Heft 2 Störche in Hamburg
Rückkehr der Sommergäste
Zu Besuch bei Storchenvater Jürgen Pelch in den Vier- und Marschlanden
Die wenigsten Hamburg-Besucher ahnen, was für eine Landschaft sie nur wenige Kilometer abseits von Millerntor und Reeperbahn erwartet. In den Elbmarschen zeigt sich die geschäftige Hafenstadt von einer ganz anderen, sehr viel gemächlicheren Seite. Vor mehr als 400 Jahren entstand im Südosten durch den Bau von Deichen und Ent- und Bewässerungsgräben ein Kulturland mit Auen und ausgedehnten Feuchtwiesen.
Einige Marschflächen liegen sogar unter dem Meeresspiegel. Den Wasserstand auf den Wiesen regeln der Be- und Entwässerungsverband und der NABU gemeinsam. Zu den Bewohnern gehören Schlammpeitzger und Aalquappe ebenso wie Bekassine, Rotschenkel und Uferschnepfe, Kiebitz und Weißstorch. Mit sechs ausgewiesenen Naturschutzgebieten gelten die Vier- und Marschlande entlang des Elblaufes als einzigartiges Naturerbe, das es zu bewahren gilt.
Gemeinsam mit der NABU-Gruppe Bergedorf kümmert sich Jürgen Pelch, Hamburgs bekannter "Storchenvater" um den Schutz und die Pflege der hier brütenden Weißstörchen. Kurz vor der Ankunft der ersten heimkehrenden Störche traf Daniel Pohl Anfang März den Storchenvater zum Gespräch im Marschland:
Jürgen Pelch
Herr Pelch, seit über 25 Jahren kennt man Sie im Hamburger Umland als "Storchenvater".
Na ja, offiziell heißt das NABU-Storchenbetreuer. Storchenvater ist da eher ein Spitzname für mich. Aber natürlich sehen ich die Störche auch als einen Teil meiner Familie.
Und wie sehen ihre Vaterpflichten für die Vögel aus?
Zu meinen wichtigsten Aufgaben zählt sicher die Pflege und Errichtung von geeigneten Nistmöglichkeiten für die Störche. Hier im Hamburger Südosten nistet gut ein Dutzend Störche. Da aber die natürlichen Nistmöglichkeiten in Baumwipfeln und auf Hausdächern gerade durch die sich ausdehnende Großstadt mehr und mehr verdrängt werden, müssen wir immer öfter zu Nisthilfen greifen. Dafür verwenden wir einfach hohe Pfähle, Masten oder alte Bäume, auf denen wir den Bau von Horsten unterstützen.
Gibt es Möglichkeiten, den Tieren etwa bei der Aufzucht der Jungvögel behilflich zu sein?
Auch hier helfen unsere menschengemachten Nistplätze. Das wichtige an den Nisthilfen ist für uns der Schutz der Brut. In den vergangenen Jahren hatten wir immer wieder tote Jungstörche in den Nestern, weil sich Marder und andere Fressfeinde über die Nachkommen hergemacht haben. Daher versuchen wir unsere Störche an geschützten Stellen brüten zu lassen und bringen Marderschutztrichter unter den Horsten an.
Wie nehmen denn die Tiere das Angebot ihres Storchenvaters an?
Die letzten beiden Jahre liegen leider eher unter dem Durchschnitt. Im vergangenen Jahr hatten wir nur zehn Storchenpaare - bei gut 50 gebotenen Nistmöglichkeiten. Dabei sind fünfzehn Jungvögel geschlüpft, die nach der Aufzucht durch die Eltern auch ausgeflogen sind. Ob es ein gutes Storchenjahr wird, hängt nicht zuletzt auch von der Witterung ab. Kehren beispielsweise die Störche erst im Mai aus dem Winterquartier zurück, weil sie etwa ein Kälteeinbruch in der Türkei zurückhält, ist es wenig wahrscheinlich, dass sie noch Junge großziehen.
Was wird für die Zugvögel rings um Hamburg noch getan?
Das wichtigste ist eigentlich, im Hamburger Umland die Naturschutzgebiete zu erhalten. Je mehr sich die Stadt ausdehnt, um so weniger Rückzugsmöglichkeit bleibt für die Tiere. Immer wieder müssen wir um zugesicherte Ausgleichsflächen für die zunehmende Bebauung kämpfen. Der NABU versucht beispielsweise Flächen zu kaufen oder zu pachten. Nur so können wir den Artenschutz auf lange Sicht sicherstellen. Das Marschland um Hamburg hat zudem landwirtschaftlich und ökologisch gesehen eine Besonderheit. Die Felder werden seit Jahrhunderten durch komplizierte Bewässerungssysteme künstlich be- und entwässert. Und: Wir sind natürlich auch daran interessiert, dass Störche und andere Zugvögel wie Kiebitze und Feldlerchen hier in möglichst natürlichem Umfeld nisten können und Nahrung finden. Dazu gehören vor allem Frösche, Krebse, Aalquappen und andere Kleinlebewesen der Bewässerungsgräben.
Sie haben aber selber auch noch ein "richtiges" Familienleben. Sie arbeiten in der eigenen Staudengärtnerei und Sie sind früher einmal als Seemann zur See gefahren. Woher nehmen Sie noch Zeit für ein solch intensives Hobby?
Ja, als junger Mann bin ich vom Hamburger Hafen aus zur See gefahren. Inzwischen bin ich hier sesshaft geworden, seit 30 Jahren verheiratet und habe eine 24 Jahre alte Tochter und einen 22 Jahre alten Sohn. Aber: Mein größter Antrieb für mein Engagement im Naturschutz sind sicherlich die Tiere. Ich wünsche mir nichts mehr, als dass auch unsere Kinder noch Störche und die vielen anderen Zugvögel in freier Natur erleben können.
Der NABU hat Sie mit der Ehrennadel ausgezeichnet und auch der Hamburger Senat hat Ihre langjährige Arbeit mit der höchsten Bürgerauszeichnung - der Ehrenmedaille - gewürdigt. Macht Sie das nicht auch ein bisschen stolz?
Sicherlich ist es schön, wenn die Arbeit durch solche Auszeichnungen anerkannt wird. Aber das wichtige sind schließlich die Tiere und der aktive Artenschutz. Und auf diesem Weg gibt es für uns noch eine ganze Menge zu tun.
Wie weit sind Sie mit der Vorbereitung für die Ankunft der Störche?
Der Frost hat dieses Jahr recht lange die Präparierung der Nester verhindert. Aber mit der Ankunft des Frühjahrs kehren bald auch die ersten Störche aus dem Süden zurück. In den nächsten Tagen werden wir noch einige Zeit mit der Nestpflege zubringen, aber bis die ersten Störche eintreffen, werden wir mit den Vorbereitungen fertig sein.
Paten gesucht!
Störche und andere Zugvögel brauchen auch viele Menschen, die finanziell helfen, zum Beispiel als Paten. Wer gerne eine Zugvogel-Patenschaft übernehmen und mehr Infos darüber möchte, braucht einfach nur den NABU unter 02 28-4 03 61 31 anzurufen.
Wer eine Zugvogel-Patenschaft übernimmt, erhält als Dank eine auf seinen Namen ausgestellte Urkunde und zweimal im Jahr die Zugvogel-Post. Sie informiert speziell über die Arbeit des NABU zum länderübergreifenden Schutz von Störchen und Zugvögeln.
So hilft der NABU den Zugvögeln:
- Wir führen regelmäßige Bestandserfassung von Zugvögeln durch.
- Wir setzen uns für die Entschärfung gefährlicher Strommasten und Leitungen ein.
- Wir organisieren Vogelschutzcamps in Italien und klären die Öffentlichkeit auf.
- Wir fordern das Verbot der Jagd auf Zugvögel europaweit.
- Wir engagieren uns für die weitere Ausweisung wichtiger Brut- und Rastgebiete.
- Wir pachten und erwerben wertvolle Naturschutzflächen, um den Lebensraum von Zugvögeln zu sichern.

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