NABU.de NABU Naturschutz heute Jahrgang 2007 Heft 1 Interview mit Peter Berthold
Umstrittene Ganzjahres-Fütterung
Fragen an den Ornithologen Peter Berthold
Zwei neue Bücher haben in den zurückliegenden Monaten interessante Fragen zum praktischen Vogelschutz aufgegriffen. Als Begleitbuch zur NABU- und LBV-Aktion "Stunde der Gartenvögel" erschien im Frühjahr Gartenvögel - Naturbeobachtungen vor der eigenen Haustür. Neben vielfältigen Anregungen, wie jeder Einzelne seinen Garten schon mit wenig Aufwand für Vögel attraktiver gestalten kann, behandelt es auch das Für und Wider bei der Fütterung von Wildvögeln.
Einen Schritt weiter geht das im Herbst erschienene Buch Vögel füttern - aber richtig. Eingebunden in die Aktion der Heinz-Sielmann-Stiftung "Ganzjährig füttern, ganzjährig helfen" stellen die Autoren das Füttern zu allen Jahreszeiten in den Mittelpunkt und haben damit eine rege Diskussion entfacht. Wir sprachen mit Autor Peter Berthold, ehemaliger Leiter der Vogelwarte Radolfzell:
Kohlmeise
Herr Professor Berthold, Sie fordern eine "Ganzjahresfütterung" von Wildvögeln. Warum braucht der Artenschutz in Deutschland den Meisenknödel im Mai?
Meisenknödel - zusammen mit Erdnüssen und feinen Sämereien - können nach der selbstverständlichen Winterfütterung auch als Ganzjahresfütterung wahre Wunder bewirken: Neuansiedlung und Erhalt lokaler Populationen der stark zurückgegangenen Haus- und Feldsperlinge, Anstieg der Brutvögel vieler weiterer auch "nützlicher" Arten wie verschiedene Meisen. Weiter hilft sie den klimabedingt früher ankommenden Zugvögeln wie Rotschwänzen, Grasmücken oder Laubsängern, Schlechtwetterperioden zu überstehen. Und schließlich begünstigt sie die Fortpflanzung durch früheres Brüten, mehr Ersatzbruten, größere Gelege, erhöhte Eiqualität und damit höheren Bruterfolg. Abnehmenden Arten wie dem Star ermöglicht schon ein "Frühstück" am Meisenknödel, auch bei immer schwierigerer Erreichbarkeit genügend natürliches Futter für die Jungen zu beschaffen.
Britische Vogelfreunde füttern schon länger rund ums Jahr - trotzdem haben dort die Bestände vieler Arten abgenommen. Ist dieses Modell damit nicht schon gescheitert?
Auch in England war die Zufütterung nicht in der Lage, Rückgänge von Singvögeln generell aufzuhalten. Doch selbst dort ist die Winterfütterung noch nicht umfangreich genug und die Ganzjahresfütterung noch zu sehr im Aufbau, vor allem in der Entwicklung von Jungenaufzucht-Futtermitteln bei Insektenmangel. Aber deutliche Erfolge sind zukunftsweisend. Der Haussperling ging dort offenbar weniger stark zurück als bei uns, und Studien zeigen, dass Zufütterung die Sterblichkeit nach der Brutperiode entscheidend reduzieren kann. Frappierend das Stieglitz-Beispiel: Nach 20 Jahren Fütterung zeigte die Art ab 1990 einen enormen Anstieg im Gartenbereich. Man braucht also Geduld. Zufüttern in der Feldflur führte teils zu so deutlichem Bestandsanstieg, dass von einer "Schlüssel-Strategie für den Erhalt der Artenvielfalt" gesprochen wird. Also: Mut zur und Geduld mit der Ganzjahresfütterung - auch bei uns werden Erfolge sichtbar.
Buchhinweise
Anita & Norbert Schäffer: Gartenvögel - Naturbeobachtungen vor der eigenen Haustür. - 160 Seiten, 14,95 Euro. Aula 2006. ISBN 3-89104-693-6.
Peter Berthold & Gabriele Mohr: Vögel füttern - aber richtig. Kosmos 2006. 82 Seiten. 7,95 Euro. ISBN 3-440-10800-7.
Die NABU-Position zur Ganzjahresfütterung
NABU-Tipps zur Winterfütterung
Inhaltsverzeichnis der Ausgabe 1/07

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