NABU.de NABU Naturschutz heute Archiv Ausgabe 4/02: Rhein-Projekt
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Fluss der tausend Inseln
Der Rhein soll naturnäher werden
von Helge May
Wenn Klaus Markgraf-Maué in Kranenburg den friedlich fließenden Rhein betrachtet, hat dieser den größten Teil seiner 1320 Kilometer von den Alpen bis zur Nordsee bereits hinter sich. Ein Stückchen weiter, hinter der holländischen Grenze, wechselt der Fluss noch einmal seinen Namen, bevor er dann zweigeteilt als Waal und Lek das Meer erreicht.
Doch Fluss im natürlichen Sinn darf der Rhein heute kaum mehr sein. Schon ab dem Oberlauf bei Basel ist er weitgehend kanalisiert, schmal und tief ist sein Bett, und selbst seine Vereinigung mit der Nordsee geschieht technisch kontrolliert durch riesige Damm- und Schleusenwerke. Von der Naturschutzstation Kranenburg aus koordiniert Klaus Markgraf-Maué deshalb ein NABU-Projekt, das dem Rhein wenigstens an einigen Stellen seine Flussnatur zurückgeben soll. Seit einem Jahr erarbeiten drei NABU-Institute in Bühl, Bingen und Kranenburg an Ober-, Mittel- und Niederrhein beispielgebende Maßnahmen für konkrete Uferabschnitte. Finanziert wird das Projekt "Fluss der tausend Inseln" von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), ergänzt durch Mittel der Deutschen Umwelthilfe (DUH) und der Michael-Otto-Stiftung für Umweltschutz sowie mittelbar der Firma Kyocera Mita.
Einst die Kloake Europas
Bis zu einem Fluss der tausend Inseln ist es noch ein weiter Weg. Immerhin hat sich der Zustand des Rheins in den letzten Jahrzehnten deutlich gebessert. Lange Zeit war der Rhein die Kloake Europas. Er transportierte Unrat und Gifte aller Art, der Sauerstoffgehalt ging gegen Null. Noch vor 30 Jahren war der Rhein biologisch verödet und Katastrophen wie 1986 der Brand in der Baseler Chemiefabrik Sandoz löschten über weite Strecken das Flussleben komplett aus. Doch der Rhein war widerstandfähiger als befürchtet und die Politik reagierte. Erste internationale Übereinkommen wurden 1976 gegen die chemische Verunreinigung des Rheins und zur Verminderung der Salzverschmutzung durch die elsässischen Kaliminen geschlossen.
Althrein-Idylle
1987 schließlich wurde zur Koordination der Umweltschutzanstrengungen und zur Sicherung der Trinkwasserversorgung für die 50 Millionen Rheinanwohner die Internationale Kommission zum Schutze des Rheins (IKSR) gegründet. Seitdem nahm vor allem die Gift- und Schmutzfracht des Rheins drastisch ab. 92 Prozent der Abwässer fließen mittlerweile geklärt in den Fluss - was die Anrainerstaaten 50 Milliarden Euro gekostet hat. Das Schwimmen im Rhein ist heute meistenorts möglich und auch viele Fische und andere Wasserlebewesen fühlen sich wieder wohl.
Wieder 63 Fischarten
Der Rhein ist also längst keine Kloake mehr, doch gerade die in geringen Mengen vorhandenen Reststoffe sind mit Vorsicht zu genießen, warnt Peter Böhm von der Fachhochschule Mainz: "Was im Rhein problematisch ist, sind verschiedene technisch hergestellte organische Verbindungen, die Mikroverunreinigungen, deren Langzeitwirkungen im Ökosystem Rhein Schaden anrichten können". So zeigen sich an Zuckmückenlarven oder Schwämmen Missbildungen und die Erbsubstanz mancher Fische und Muscheln ist geschädigt. Die chemische Analytik stößt dabei schnell an Grenzen. Bezogen auf die bis zu 100.000 möglichen organischen Verbindungen im Rhein sind kaum mehr als ein Prozent aufklärbar.
Körbchenmuscheln am Rheinufer
Immerhin weist der Biologische Rheinbericht 2002 wieder 63 Fischarten aus, das sind 20 mehr als noch 1995. Häufigste Arten sind Döbel und Schneider sowie der Aal am Oberrhein, Flussbarsch und Rotauge am Mittellauf und am Unterlauf ebenfalls Rotaugen sowie Aale und Brassen. "Damit ist die ehemalige Fischartengemeinschaft wieder annähernd komplett", so Anne Schulte-Wülwer-Leidig von der IKSR. Bestandsbestimmend sind aber Massenfische, die sich angesichts der besseren Wasserqualität besonders schnell erholen. Für anspruchsvollere Fischarten bietet der ausgebaute Rhein jedoch nur noch sehr wenige geeignete Laich- und Jungfischabitate.
Auch die in den Rhein und seine Nebenflüsse zurückgekehrten empfindlichen Wanderfische wie Meerforellen, Meerneunaugen und der Lachs haben sich noch nicht wieder sicher etabliert. Ob die Zustände wie um 1900 wiederkehren, als am Rhein jährlich eine viertel Million Lachse gefangen wurden, darf bezweifelt werden. Dank zahlreicher, meist von Fischereiseite getragener Wiederansiedlungsprojekte ist der Edelfisch unter anderem an Ahr, Sieg und Wupper zurückgekehrt.
Ehrgeiziges Programm Rhein 2020
Ganz von alleine besiedelten dagegen viele Kleinlebewesen den Rhein und die meisten von ihnen sind keine Rückkehrer, sondern Neueinwanderer. Inzwischen machen diese so genannten Neozoen bei den Muscheln, Flohkrebsen und Würmern mehr als 90 Prozent der Biomasse aus. Die Körbchenmuschel etwa tauchte erstmals vor zehn Jahren bei Rotterdam auf und dominiert heute in weiten Teilen die Muschelvorkommen. Auch dies ist ein Hinweis, dass sich zwar die Wasserqualität gebessert hat, es bei Strukturvielfalt und Flussdynamik aber noch hapert. Das jetzt gestartete Programm "Rhein 2020" der IKSR will dem Rechnung tragen. Ein Teilprogramm ist ganz der Verbesserung des Ökosystems Rhein gewidmet. Unter anderem sollen 100 Altarme wieder angegliedert werden, an 800 Kilometern Länge soll die Uferstruktur vielfältiger werden, ja es sollen bis 2020 im Rheineinzugsgebiet sogar 11.000 Kilometer Fließgewässer renaturiert werden. Zusätzlichen Nachdruck erhalten diese Ziele durch die in die gleiche Richtung weisende EU-Wasserrahmenrichtlinie.
Anders als zum Beispiel an der Havel, wo praktisch auf einen Schlag auf 160 Kilometern Flusslänge die Steinschüttungen entfernt werden sollen, lassen sich am dicht besiedelten und intensiv genutzten Rhein meist nur relativ kleinflächige Maßnahmen verwirklichen. Unter dem Primat der Wasserstraßennutzung bleibt für Naturschutz am Rhein heute kaum Spielraum. Genau hier setzt das NABU-Projekt "Fluss der tausend Inseln" an. Der NABU hat in den letzten Jahren die Arbeit der Rheinschutzkommission intensiv begleitet und will nun an Beispielen zeigen, "wie an der meist befahrenen Binnenwasserstraße Europas wieder Raum für naturnahe Flussbett- und Uferstrukturen sowie Flusslebensgemeinschaften geschaffen werden kann", so Projektleiter Klaus Markgraf-Maué.
Rückbau von Uferbefestigungen
"Zu Beginn des Projektes haben wir Flussabschnitt für Flussabschnitt Kriterien für die Revitalisierungsbereiche entwickelt. Im nächsten Schritt wurden je Abschnitt konkrete Uferstrecken ausgewählt und Maßnahmen zur Revitalisierung erarbeitet", beschreibt Markgraf-Maué den bisherigen Ablauf. "Im Januar 2002 lag dann eine Vorschlagliste für exemplarische Maßnahmen an Ober-, Mittel- und Niederrhein vor. Für grundsätzliche Fragen wurde ein Projektbeirat eingerichtet, bestehend aus Vertretern der Bundesministerien für Verkehr und für Umwelt, der Bundesanstalt für Gewässerkunde und dem Bundesamt für Naturschutz, der Bundeswasserstraßen-Verwaltung sowie der Länder. Und jetzt haben wir nach Diskussion mit den zuständigen Behörden je Rheinabschnitt zwei bis drei realisierbare Vorhaben herausgearbeitet."
Am schnellsten lässt sich der Rückbau vorhandener Uferbefestigungen wie Steinpackungen und -schüttungen verwirklichen - mit dem Ziel, wieder naturnahe Biotopstrukturen und eine gewisse Veränderungsdynamik zuzulassen. Das ist zum Beispiel am Oberrhein bei Wintersdorf, an der Heidenfahrt am Inselrhein und am Niederrhein zwischen Duisburg und Krefeld der Fall. Bei weiteren sieben Einzelprojekten geht es um die Schaffung von Kiesinseln und vor Wellenschlag geschützten Flachwasserzonen, unter anderem am Mittelrhein sowie an der Emmericher Ward und bei Bislich (beides Niederrhein), wo eine Nebenrinne geschaffen werden soll. Die Umsetzung der Projekte in Zusammenarbeit mit den Wasser- und Schifffahrtsämtern und weiteren Partnern soll in der nächsten Projektphase bis 2007 erfolgen.
Ökologischer Hochwasserschutz ist nur indirektes Ziel des NABU-Rheinprojektes. Aber Hochwasser ist auch am Rhein ein drängendes Problem - wenn auch das letzte größere Hochwasser von 1998 schon etwas zurückliegt. In den letzten hundert Jahren hat der Rhein 85 Prozent seiner Auen und Überschwemmungsflächen verloren.
Geldmangel beim Hochwasserschutz
Die Maßnahmen des Rheinprogramms 2020 sollen unter anderem die Anwohner besser vor den Folgen eines 200-jährlichen Hochwassers schützen. Dazu sollen am Rhein 160 Quadratkilometer Überschwemmungsflächen reaktiviert und Rückhaltebecken mit einem Fassungsvermögen von 364 Millionen Kubikmetern gebaut werden. Außerdem gilt es, mehr aus 1000 Kilometer Deiche zu verbessern. Für die Nebenflüsse und das gesamte Rhein-Einzugsgebiet sind die Größenordnungen noch gewaltiger.
Rheinhochwasser in Bonn
Das alles kostet natürlich Geld und Geld ist knapp. In Baden-Württemberg etwa warnt CDU-Landesumweltminister Ulrich Müller: "Wir brauchen jährlich 20 Millionen Euro mehr, um die notwendigen Maßnahmen an den großen Flüssen im vorgesehenen Zeitraum umzusetzen." Von vier vorgesehenen Rhein-Poldern ist bisher nur der Polder Söllingen im Bau. Er soll Ende nächsten Jahres fertig gestellt sind.
In Hessen wurden Pläne für einen Großpolder im Ried bei Trebur sogar wieder ersatzlos zurückgezogen. Bei Regenfällen wie dieses Jahr im Elberaum würden nach Berechnungen der TU Darmstadt weite Teil des hessischen Rieds bis zu fünf Meter unter Wasser stehen. Betroffen wären auch eine Sondermüll-Verbrennungsanlage sowie Chemieanlagen von BASF und Merck; 40.000 Einwohner müssten evakuiert werden.
Doch das im Sommer von der schwarz-gelben Landtagsmehrheit verabschiedete Wassergesetz erlaubt den Gemeinden neuerdings auch noch, in Eigenregie die Bebauung in Überschwemmungsgebiete hinein auszuweiten. "Wir vertrauen auf das Verantwortungsbewusstsein der Kommunen, nur dort Bebauung zuzulassen, wo es verantwortbar ist", verteidigt Umweltminister Wilhelm Dietzel (CDU) treuherzig diesen Schildbürgerstreich. Zur Zeit planen die Städte und Gemeinden im Ried weitere 400 Hektar Siedlungs- und Gewerbeflächen. Im Hochwasserfall, so die TU Darmstadt, würde das die Schadenssumme um mehrere hundert Millionen Euro erhöhen.
Flusskraftwerke am Hochrhein
In den meisten Fällen sind es Nutzungskonflikte mit Bebauung und Landwirtschaft, die eine Rückgewinnung von Auen oder ein Mehr an Naturschutz erschweren. Doch dies sind beileibe nicht die einzigen widerstreitenden Interessen, mit denen sich der NABU am Rhein auseinander zu setzen hat. Die Probleme fangen schon am Hochrhein an, also der Strecke zwischen dem Rheinfall Schaffhausen und Basel. Auf dem relativ gefällereichen Teilstück wurden seit Beginn des 20. Jahrhunderts elf Flusskraftwerke gebaut und so der wilde Fluss in eine Art Seenplatte verwandelt. Nun laufen viele der alten Kraftswerks-Konzessionen aus und der NABU Waldshut versucht, bei einem Weiterbetrieb wenigstens zusätzliche Umweltauflagen durchzusetzen, damit zum Beispiel die Durchwanderbarkeit des Flusses mittels Fischtreppen verbessert und mehr natürliche Geschiebedynamik zugelassen wird.
In anderen Fällen sieht sich der NABU sogar gezwungen, zum schwerstmöglichen Kaliber zu greifen, der Verbandsklage stellvertretend für die Rechte der Natur. Ein solcher Schritt will gut überlegt sein, denn bei Prozessniederlagen können die Kosten enorm sein. Dennoch hat der NABU in diesem Jahr am Rhein gleich zwei Verbandsklagen eingereicht und die erste wurde auch bereits gewonnen: Anfang Oktober stoppte das Verwaltungsgericht Freiburg den Bau der so genannten Mimram-Brücke über den Rhein zwischen Kehl und Straßburg.
Erfolgreiche Verbandsklage
"Das Problem ist die vorgesehene, spinnennetzartige Tragseilkonstruktion", erläutert NABU-Landesgeschäftsführer Uwe Prietzel. "Ganz abgesehen von den gefährdeten Arten wie Schnatter-, Krick- und Tafelente, die in den Vogelschutzgebieten der Region leben, nutzen Millionen von Zugvögeln zweimal jährlich den Rhein zur Orientierung. Und nun soll quer zu einer der wichtigsten Leitlinien für den Vogelzug in Europa ein Spinnennetz von 4.200 Quadratmetern Fläche gebaut werden, ohne dass eventuelle Folgen überhaupt nur untersucht wurden". Das Gericht schloss sich dem an und bestätigte, dass "die gewählte Brückenkonstruktion ein besonders hohes Kollisionsrisiko für geschützte Vögel darstellt und dieses Risiko durch eine andere Brückenkonstruktion deutlich vermindert werden könnte."
Eine weitere Verbandsklage hat der NABU Nordrhein-Westfalen im August gegen den Rahmenbetriebsplan der Zeche Walsum am Niederrhein eingereicht. Hier soll der Kohle-Abbau bis unter den Rhein geführt werden. Da der Untertagebau zu Geländeabsenkungen führt, müssten dort die höchsten Flussdeiche der Welt gebaut werden. Außerdem sollen jährlich bis zu 100 Millionen Kubikmeter Wasser abgepumpt werden. Es hat dazu weder eine Umweltverträglichkeitsprüfung, noch eine Anhörung der Umweltverbände gegeben. Der NABU ist sich deshalb sicher, dass auch hier die Klage Erfolg haben wird.
Kontaktadresse für das Rheinprojekt: NABU-Naturschutzstation Kranenburg, Klaus Markgraf-Maué, Bahnhofstraße 15, 47559 Kranenburg, Tel. 0 28 26-9 20 94, www.NABU-Naturschutztstation.de.

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