NABU.de NABU Naturschutz heute Archiv Ausgabe 3/02: Steinach

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Innenleben eines Flusses

Die Gewässeruntersuchungen des NABU Neckar- und Steinachtal

von Helge May


Steinach-Idylle

Steinach-Idylle

Munter sprudelt der kleine Fluss durch das erlenbestandene Wiesental im südlichen Odenwald. Doch die Idylle trügt. Rolf Maurer weist auf ein vergittertes Rohr am gegenüberliegenden Ufer: "Direkt am Hang war einmal der Gemeindemüllplatz von Schönau und Neckarsteinach. Altablagerung heißt das im Behördendeutsch. Jetzt tritt hier Deponie-Sickerwasser aus und verschmutzt die Steinach." Ein Forellengewässer ist die Steinach längst nicht mehr, das zeigen die im "Steinach-Report" dokumentierten Untersuchungen des NABU Neckar- und Steinachtal eindeutig. Zu wenig Sauerstoff, zu viel Ammoniak, Phosphat und Eisen, als dass hier Forellen überleben könnten.

Einst Heimat der Flussperlmuschel
Und wo die Bachforelle nicht mehr ist, verschwinden auch die Flussperlmuscheln, deren Eier sich ja in den Kiemen der Fische entwickeln. Um 1765 war es, als Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz Perlmuscheln aus dem Bayerischen Wald erfolgreich in der Steinach einsetzen ließ. Eine Muschel braucht zur Bildung einer Perle rund 20 Jahre, und um eine wertvolle Perle zu finden, müssen durchschnittlich 2000 Muscheln untersucht werden. Die letzte Befischung der Steinach fand 1965 statt und ergab immerhin noch 14 Perlen. Doch Mitte der achtziger Jahre war die Flussperlmuschel dann aus der Steinach verschwunden und damit in ganz Hessen und Baden-Württemberg ausgestorben.

Wasserprobe Rolf Maurer 2

Rolf Maurer bei einer Wasserprobe.

Die Ex-Deponie ist nicht alleine schuld daran, dass der äußerlich so unberührt wirkende Fluss heute offiziell als "kritisch belastet" gilt. Die Gefahren sind Legion, weiß der NABU-Vorsitzende Maurer: Illegale Autowäschen und Ölwechsel, Ausschwemmungen von Nähr- und Giftstoffen von Äckern und Wiesen und nicht zuletzt der Neckarsteinacher Campingplatz. "Zum unbedingt notwendigen Anschluss des Campingplatzes an die Kanalisation hatten wir schon fünf Kleine Anfragen im Hessischen Landtag und jahrelang ist nichts passiert. Und das trotz Anschlusszwang und Abwassersatzung." Doch nun scheint Bewegung in die Sache zu kommen. Die Campinganlage werde "entweder angeschlossen oder zugeschlossen", versprach Bürgermeister Eberhard Petri anlässlich der Vorstellung des elften Steinach-Reports im Dezember letzten Jahres.

Radweg durchs Steinachtal
Rolf Maurer und seine Mitstreiter haben gelernt, dicke Bretter zu bohren. Im Grenzgebiet zweier Bundesländer deckt die 130 Mitglieder starke Gruppe ein Gebiet von Hirschhorn bis Abtsteinach ab. Eine Hauptaufgabe ist seit Gründung die Bewachung der Wanderfalkenbruten im Neckartal; eine Aufgabe, die heute nicht nur mit dem Fernglas, sondern auch mit fest installierten Kameras wahrgenommen wird. In diesem Zusammenhang hat sich der NABU auch an der Diskussion um die geplante Ortsumgehung Neckarsteinach beteiligt.

Zufluss aus Rohr

Steinach-Zufluss

Auch wenn manche Erfolge erzielt wurden: "Sich für Naturschutz engagieren bedeutet fast zwangsläufig, sich unbeliebt machen. Man setzt sich ja stets für das ein, was sich nicht wehren kann." Bestes Beispiel hierfür sind die aktuellen Auseinandersetzungen um eine geplante Radwegverbindung zwischen Neckarsteinach und Schönau. Den Radweg würde die Gemeinde gerne auf einer lange stillgelegten Bahntrasse bauen. Der NABU aber schlägt eine Route auf einem parallel verlaufenden Forstweg vor, weil sich die Bahntrasse im Steinachtal zu einem wertvollen Lebensraum entwickelt hat - unter anderem für Schling- und Äskulapnatter. Inzwischen hat der NABU beim Regierungspräsidium die Ausweisung eines Naturschutzgebietes beantragt. Die Gemeindevertreter brachte das gewaltig in Rage, von einer "Unverschämtheit" sprach der Bürgermeister beim Ortstermin. "Dass der NABU alleine dem Schutz der Natur verpflichtet ist und nicht den vordergründigen Interessen der Kommune, müssen manche Politiker halt noch lernen", kommentiert Rolf Maurer die Aufgeregtheiten. "Und auch, dass Natur- und Umweltschutz Verfassungsrang haben, in Hessen schon längst und inzwischen sogar bundesweit."

Wasserproben vierzehntägig
Die Steinach-Untersuchungen sind zweifellos aufwändigster Punkt der NABU-Aktivitäten. An fünf Entnahmestellen wird alle zwei Wochen Wasser entnommen und physikalisch-chemisch untersucht. Außerdem findet zur Langzeitbestätigung jährlich eine biologische Gewässergütebestimmung anhand der vorgefundenen Wasserlebewesen statt. Der Arbeitsaufwand ist enorm. Je Probe mit anschließender Analyse sind zwei NABU-Aktive einen Tag lang beschäftigt - macht im Jahr 48 ehrenamtliche "Manntage".

Einen erheblichen Teil können Rolf Maurer und seine Ehefrau Käte selbst abdecken: "Das ist der Vorteil, wenn man die 70 überschritten hat; Rentner haben eben mehr Zeit. Aber auch Hanns Briegel und Wolfgang Nollert gehören zum festen Personal, nicht zu vergessen Jürgen Brox, Richard Bressl, Evelyn Fein und Ingrid Sert-Katako."

Die Untersuchungsprozedur ist genau durchdacht und festgelegt. Zunächst werden Temperatur, Leitfähigkeit und Sauerstoffgehalt mit professionellen Messgeräten direkt gemessen, dann werden aus der fließenden Welle zwei Proben gezogen. Die Analyse geschieht dann im Hause Maurer. Im Badezimmer baut Rolf Maurer sein Labor auf.

Präzisionsarbeit im Badezimmer
Der pH-Wert, also der Säuregrad, lässt sich noch einfach mit einer Indikatorflüssigkeit und einer Farbtabelle bestimmen. Komplizierter ist es mit Ammonium, Eisen oder Nitrit. Hier kommt ein so genannter Reflektometer zum Einsatz. Zunächst also ein Reagenzmittel in die Wasserprobe, dann einen Teststreifen eingelegt und schließlich wird der Streifen im Reflektometer durchleuchtet und dabei der Farbwert automatisch gemessen. Acht Minuten muss der Teststreifen einwirken, Sekunde für Sekunde zählt die Uhr des Reflektometers herunter. Die letzten fünf Sekunden ertönt ein Piepsignal. Jetzt muss es schnell gehen und der Streifen in den Sekunden bis Null eingemessen werden, sonst verändern sich die Ergebnisse drastisch und der Test ist unbrauchbar.

Rolf Maurer nimmt es ganz genau: "Messgeräte und Chemikalien sind nicht gerade billig. Aber die Verfahren sind idiotensicher, wenn man sich genau an die Gebrauchanweisungen hält." Maurer will aufklären und überzeugen, da müssen die Fakten auch hieb- und stichfest sein. Alle Ausreißerwerte werden nachgemessen, es könnten ja Verfahrensfehler sein. Am Ende werden dann die Untersuchungswerte in Protokollbögen eingetragen, die letzten Werte folgen erst nach zwei und fünf Tagen, denn so lange stehen die separaten Proben, um die Sauerstoffzehrung festzustellen.

Stetes Wasser...
Mittlerweile laufen die Steinach-Untersuchungen im 13. Jahr und sie zeigen Wirkung. Sicher haben manche Behörde und mancher Politiker die Steinach-Reports lächelnd entgegengenommen und dann schnell in der Ablage verschwinden lassen. Es gab Rückschläge, etwa durch Fäkalieneinleitungen am Oberlauf und Aussetzer in Kläranlagen. Doch die Kläranlagen steigern sich, vor allem die Nitratelimination zeigt Wirkung. An der Teichkläranlage Abtsteinach - auch das ein Zeichen für die Wertschätzung der Arbeit - betreibt der NABU jetzt im offiziellen Auftrag der Gemeinde weitere Messstellen. Und der NABU Bad Friedrichhall hat die Neckarsteinacher Methoden inzwischen auf Flussabschnitte der Jagst übertragen. Nachahmung ist also erwünscht.

Kontakt: NABU Neckar- und Steinachtal, Rolf Maurer, Am Leerberg 39, 69239 Neckarsteinach.

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