NABU.de NABU Magazin „Naturschutz heute“ Jahrgang 2012 Heft 2 Beifangproblematik

Tod im Stellnetz

Tod im Stellnetz

Alljährlich sterben Tausende Schweinswale und Meeresvögel als Beifang

von Hartmut Netz

gestrandete Schweinswale


Der Tod im Stellnetz ist qualvoll: Auf der Suche nach Futter verfangen sich die Schweinswale im Netz, schlagen in Panik um sich, verheddern sich dadurch vollends in den Maschen und ertrinken elendiglich. Denn Schweinswale sind Säugetiere; um zu überleben müssen sie alle sechs Minuten zum Luftholen auftauchen. Nach Schätzungen von Umweltschützern verenden in Nord- und Ostsee jedes Jahr an die 10.000 der kleinen, zwischen 1,2 und 1,8 Meter langen Wale als unbeabsichtigter Beifang in den Grundstellnetzen der Fischer, die hier Jagd auf Dorsch, Kabeljau, Scholle und Steinbutt machen.

Todesrisiko für Seevögel
Der Schweinswal, ein enger Verwandter des Delphins, gilt als stark bedrohte Tierart. Insbesondere die Bestände in der Ostsee sind im Schwinden begriffen. Während in der westlichen Ostsee noch rund 11.000 Exemplare leben, schätzt die Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere (GSM), den Bestand in der Inneren Ostsee östlich von Rügen, wo die Schweinswale aufgrund genetischer Unterschiede eine eigenständige Population bilden, auf nur noch 250 erwachsene Tiere. In den vergangenen drei Jahren hätten Spaziergänger und Wassersportler allein an deutschen Ostseestränden jährlich bis zu 170 angeschwemmte Schweinswal-Kadaver gemeldet, sagt die GSM-Vorsitzende Petra Deimer: „Über die Hälfte davon sind Beifänge.“

Schweinswale orientieren sich akustisch; die modernen dünnen Nylonnetze können sie mit ihrem Echolot jedoch nicht orten. Für die Fischer sind die Tiere unerwünschter Beifang, den sie nach dem Einholen der Netze über Bord werfen. Das gilt auch für Seevögel, die sich in den Stellnetzen verfangen und ertrinken. Für fischfressende Arten wie Pracht- und Sterntaucher ist das Todesrisiko am größten. Aber auch andere Seevögel fallen der Stellnetz-Fischerei zum Opfer: „Die Netze werden vor allem in Flachgewässern aufgestellt, wo muschelfressende Arten den Meeresboden nach Nahrung absuchen“, erläutert Ingo Ludwichowski, Geschäftsführer des NABU Schleswig-Holstein. „Unter Wasser erkennen die Tiere die Netze nicht und verfangen sich darin.“ An der südlichen Ostseeküste seien vor allem die dort überwinternden Eis-, Samt- und Trauerenten gefährdet; in der Beltsee Eider- und Bergenten. Ludwichowski schätzt, dass in der Ostsee pro Jahr über 100.000 Seevögel in den Stellnetzen der Fischer verenden.

Rettungsplan gescheitert
Für manche Vogelarten sei Beifang eine der häufigsten Todesarten und wirke sich unmittelbar auf den Bestand aus, heißt es in einer gemeinsamen Studie von NABU, GSM und der Gesellschaft zur Rettung der Delphine. Für Schweinswale oder Kleine Tümmler, wie die Wale mit der stumpfen Schnauze auch heißen, gilt Beifang sogar als Todesursache Nummer Eins. So steht es sinngemäß auch im sogenannten Jastarnia-Plan, der im Jahre 2002 im polnischen Jastarnia beschlossen wurde, um den vom Aussterben bedrohten Ostsee-Schweinswal zu retten. Der Plan begrenzt die Beifang-Quote auf maximal 1,7 Prozent der im jeweiligen Fanggebiet lebenden Tiere und fordert die Umrüstung auf ungefährlichere Fangmethoden.

Doch zehn Jahre nach Start des Rettungsplans zieht Harald Behnke, Direktor des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund, eine ernüchternde Bilanz: „Der Jastarnia-Plan hat versagt“, sagt Behnke. Ein konsequentes Verbot der Stellnetzfischerei in Schutzgebieten sei unumgänglich. In der Ostsee sind sechs Schutzgebiete mit einer Fläche von insgesamt rund 380.000 Hektar ausgewiesen.

Doch die Fischer mauern. Sie seien sich des Problems bewusst, sagt Norbert Kahlfuss, Chef des Kutter- und Küstenfischer-Verbandes Mecklenburg-Vorpommern: „Wir Fischer haben kein Interesse an Schweinswalen im Netz.“ Ein Verbot der Stellnetzfischerei in Schutzgebieten käme jedoch einem Berufsverbot gleich.

Immerhin hat die EU für einige Teilgebiete der Ostsee den Einsatz sogenannter Pinger vorgeschrieben. Das sind an den Netzen befestigte akustische Signalgeber, die Schweinswale mit unangenehmen Geräuschen vergrämen sollen. Doch Pinger sind umstritten: „Damit vertreibt man die Schweinswale aus den eigens für sie eingerichteten Schutzgebieten“, kritisiert Ingo Ludwichowski: „Und bei Meeresvögeln wirken sie sowieso nicht.“

Bessere Preise mit Lebendfisch
Es gibt jedoch noch andere beifangarme Alternativen zur Stellnetz-Fischerei, beispielsweise Langleinen für die Jagd auf Plattfische. Allerdings besteht beim Ablaufen der Leine die Gefahr, dass sich Seevögel auf die Köderfische stürzen und dabei ertrinken. Beim Kabeljau-Fang setzen einige Fischereien in Frankreich oder Norwegen sogenannte Jiggermaschinen ein. Dabei bedient ein einzelner Fischer bis zu vier professionelle Angeln mit jeweils drei bis sechs Haken. Eine sehr effektive Fangmethode, die sich auch für den Ostsee-Dorsch eigne, sagt Ludwichowski.

Desweiteren böten sich für die Dorsch-Fischerei beköderte Fischfallen an, eine Kreuzung aus Netz und Reuse, mit Öffnungen, die für Schweinswale zu klein sind. „In Schweden werden Fischfallen bereits erfolgreich eingesetzt“, sagt Ludwichowski Geangelte oder in Fallen gefangene Fische blieben am Leben und seien deshalb von höherer Qualität als solche aus dem Stellnetz: „Das wirkt sich unmittelbar auf die erzielbaren Preise aus.“

Weitere Fangmethoden

  • Treibnetz: Wandartiges freischwimmendes Netz für den Fang von Dorsch, Hering oder Scholle, das durch Schwimmer über Wasser gehalten und durch Gewichte gespannt wird, Das Beifangrisiko für Meeressäuger und fischfressende Vögel ist sehr hoch. In EU-Gewässern sind Treibnetze seit 2002 verboten.

  • Schleppnetz: Trichterförmiges Netz, das ein Trawler hinter sich herschleppt. Man unterscheidet Grundschleppnetze für den Fang von Scholle, Heilbutt oder Seezunge, die über den Meeresboden gezogen werden, und Schwimmschleppnetze für den Fang von Hering, Sprotte oder Kabeljau, die bis zu 1.500 Meter lang sein können. Das Beifangrisiko für Meeresvögel ist gering, für Fische und Meeressäuger jedoch hoch. Grundschleppnetze zerstören darüber hinaus den Meeresboden.

  • Ringwadennetz: Dem Treibnetz ähnliches, von der Wasseroberfläche herabhängendes Netz für den Fang von Makrele, Sardine oder Thun, mit dem der Fischschwarm jedoch hufeisenförmig eingekreist wird. Werden Ringwaden korrekt eingesetzt, lässt sich mit ihnen selektiv und schonend fischen.

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