NABU.de NABU Magazin „Naturschutz heute“ Jahrgang 2012 Heft 2 Krähenjagd

Der Feind ist schwarz

Der Feind ist schwarz

Krähen geraten immer mehr unter Beschuss

von Jasmin Singgih

Rabenkrähe

Rabenkrähe


In virtuellen Jagdforen tauschen sie sich aus über die Wirksamkeit beflockter Lockkrähen, das beste Tarnrüstzeug und die Krähen-Todesklage auf CD. Dabei verstecken sich die sogenannten Crowbuster unter Pseudonymen wie „Targethunter“, „Kampfdackel“ oder „Skogman“. Mit sichtlichem Stolz präsentieren sie untereinander Fotos der „schwarzen Gesellen“ in ihrem Revier, die sie gemeinsam niedergestreckt haben. Darunter die Kommentare „Wir haben die 300 geknackt!!!“ und „Waidmannsheil an alle Krähenjäger! Super Strecke!“.

Was wie ein obskures Ballerspiel für den PC wirkt, ist traurige Realität. Denn wenn sich die Crowbusters in ihren martialisch anmutenden Tarnanzügen treffen haben sie nur ein Ziel: so viele Rabenvögel wie möglich vom Himmel zu schießen.

Spaß am Töten
So auch bei der größten revierübergreifenden „Forumskrähenjagd“, die im August 2011 im Münsterland stattfand. Das Magazin „Wild und Hund“ übertitelte die große Tierhetze damals mit „80 gegen Huckebein“ – in Anlehnung an Wilhelm Buschs Geschichte über den bösen Unglücksraben.

Ob der organisierte Massenabschuss, wie er auch schon in Oberfranken und im Westerwald zelebriert wurde, gefördert wird durch die generelle Möglichkeit Rabenkrähen zu bejagen, ist schwer nachzuweisen. Fakt ist aber: In der derzeitigen Praxis können Raben- und Nebelkrähen fast in allen Bundesländern „reguliert“, sprich bejagt oder getötet werden. Obwohl die Tiere gemäß der EU-Vogelschutzrichtlinie geschützt sind, setzen sich die meisten Bundesländer durch Ausnahmeregelungen und Verordnungen auf Druck der Jagdlobby über die Regelung hinweg und erlassen Jagdzeiten, die teils bis in die Brutzeiten hineinreichen. In Niedersachsen schlagen beispielsweise immer mehr Landkreise diesen Weg ein und werden vom Landwirtschaftsministerium sogar noch unterstützt.

Keine Regulierung durch Abschuss
Mit den Befürwortern der Krähenjagd nehmen auch die Abschusszahlen zu. So wurden in Nordrhein-Westfalen im Jagdjahr 2010/2011 rund 130.000 Krähen geschossen, knapp 14.000 mehr als im Vorjahr. Auch in Schleswig-Holstein stieg der jährliche Abschuss auf 23.094 Stück.

Einen nachvollziehbaren Grund für die Abschüsse kann NABU-Vogelschutzexperte Heinz Kowalski nicht erkennen. „Eine Überpopulation gibt es in Deutschland nicht“, so der Ornithologe. Dies belegt auch das Monitoring des Dachverbandes Deutscher Avifaunisten: Die Bestände der Raben- und Nebelkrähen sind demzufolge bundesweit seit zwei Jahrzehnten konstant, mit nur geringen regionalen Schwankungen. Die Statistik zeigt zugleich, dass die immensen Abschüsse nicht wie beabsichtigt die Vorkommen verringern. „Bei den verbliebenen Vögeln führt das nur zu verstärkter Bruttätigkeit, so dass der Bestand schnell wieder aufgefüllt ist“, erklärt Heinz Kowalski. Die Krähenabschüsse seien so gesehen vollkommen sinnlos.

Alte Argumente
Besonders geschützte Arten wie die Dohle, der Vogel des Jahres 2012, werden ebenfalls ins Visier der Jäger geraten, weiß Kowalski: „Krähen und Dohlen fliegen oft zusammen im gleichen Trupp und wenn da mit Schrot reingeschossen wird, gibt es keinen Unterschied mehr zwischen ‚Gut und Böse‘. Außerdem haben viele Jäger nur geringe Artenkenntnisse und halten die Vogelarten, besonders im Flug, nicht auseinander – oder sie geben sich gar nicht erst die Mühe der Unterscheidung.“

Der Streit um die Rabenvögel scheint antiquiert, dennoch erlebt er gerade eine Renaissance. Denn die Crowbusters propagieren eine neue „Jagdsportart“ unter dem Deckmantel des Artenschutzes. So verweisen die Jäger auf das alte Argument, dass hohe Rabenvögelbestände die Populationen von Beutetieren herabsetzen würden. „Gemeinsam mit anderen häufigen Beutegreifern können sie gar zum regionalen Erlöschen einiger Arten beitragen“, schreibt das Magazin „Wild und Hund“. „Lange Zeit wurde behauptet, dass Krähen für den Rückgang verschiedener Bodenbrüter wie Rebhuhn oder Kiebitz verantwortlich sind. Dauer-Kamerabeobachtungen haben jedoch bewiesen, dass die Gefahr für die Bodenbrüter nicht aus der Luft kommt, sondern vom Boden, vor allem durch Füchse, die nach Nestern suchen“, erklärt Heinz Kowalski.

Jagdverband für Lockvogeljagd
Auch die These der Krähenjäger, dass Rabenvögel landwirtschaftliche Kulturen schädigen, hinkt. Denn die Schäden in der Landwirtschaft beschränken sich vornehmlich auf die Beschädigung von Silofolien. Was viele vergessen: Krähen haben auch Insekten und Mäuse auf ihrem Speiseplan, die Landwirte nicht gerne auf ihrem Feld sehen. Mit den Veränderungen in der Kulturlandschaft der letzten Jahre verschwinden aber zunehmend die insektenreichen Grünflächen, die maßgeblich den Bestand von Bodenbrütern beeinflussen.

Davon will man beim Deutschen Jagdschutzverband (DJV) nichts hören, denn ihm geht es in der Debatte um die Krähenjagd nicht um das „wie und das ob“. Die Jagd mit Lockvögeln sei eine moderne Jagdform, um Rabenvögel tierschutzgerecht zu erlegen.

„Wir wehren uns lediglich dagegen, wenn irgendwelche Jäger vermummt etwas von sich geben, das die Achtung vor der Kreatur nicht mehr erkennen lässt“, sagt Torsten Reinwald, Sprecher des Deutschen Jagdschutzverbandes. Die Außendarstellung dieser einzelnen Gruppierungen sei mehr als fragwürdig, räumt der DJV ein. Doch solange diese Art der Jagd offizielle Unterstützung findet, wie etwa bei der Landesjägerschaft in Niedersachsen, wird der sinnlose Krieg gegen Krähen kein Ende finden.

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