Sehr geehrter Herr Dettmann,
dann auch meinerseits gerne ein zweiter Versuch, der den Kern nochmal verdeutlichen soll.
Sie fragten: „Können Sie sich vorstellen, dass die vom Menschen verursachte Eutrophierung zahlreicher Gewässer zu einem "unnatürlichen" Bestandszuwachs beim Kormoran führt und der aktuelle Bestand somit teilweise der vom Menschen geschaffenen Begünstigung geschuldet ist? Sind die erwähnten Kapazitätsgrenzen Ihrer Ansicht nach erreicht oder wird der Bestand weiter anwachsen?“
Populationen orientieren sich (wie gesagt) grundsätzlich am vorhandenen "Angebot", das ihnen die Umwelt bietet. DAS HEISST: Zu diesem Angebot zählen sämtliche Rahmenbedingungen in Natur und Landschaft, also auch die vom Menschen „geschaffenen Begünstigungen“. Wichtig dabei aus fachlicher Sicht: Das gilt auch für die heute stark vom Menschen – z.B. auch durch Eutrophierungen - geprägte Natur in Mitteleuropa (als anthropogen weitgehend unbeeinflusste Regionen kann man eigentlich nur noch Teile des Wattenmeeres und des Hochgebirges bezeichnen). Entscheidend für unsere Diskussion ist dabei: Diese Tatsache lässt eben NICHT den Rückschluss zu, dass es „unnatürliche“ Bestandszuwächse gäbe, die man regulieren müsste (wir reden jetzt nicht von Neozoen, weil der Kormoran nicht dazu gehört). Gerade Eutrophierungen haben zeitweise und gebietsweise auch viele Fischbestände stark begünstigt (wo viel pflanzliches Plankton, da gibt es auch viele sich davon ernährende Fische usw.), und dort auch den Kormoran. Am Bodensee ist die Entwicklung aber z.B. umgekehrt: Durch eine intensive Gewässerreinhaltung gingen dort Nährstoffgehalt und Plankton deutlich zurück, in der Folge auch Fangerträge - und sogar die Individuenzahlen des Kormorans! Es gibt in unserer Jahresvogelbroschüre eine Grafik, die das sehr schön zeigt (S. 23).
Meine Antwort lautet deshalb: Ja, die Zusammenhänge sind so wie gerade beschrieben, aber von „unnatürlichen“ Bestandszuwächsen kann daher nicht die Rede sein, auch nicht von „Überpopulationen“ (von Kormorangegnern gerne sinngemäß verwendet). Die Frage, ob die Kormoranbestände quasi noch ewig weiterwachsen könnten, ist damit beantwortet. Sie werden es mit Sicherheit nicht, weil sie es nicht können. Die bundesweite Populationskurve (Brutbestand) unterstreicht dies: Die Abflachung ist für das menschliche Auge unverkennbar ;-) Auf die starken Zuwächse der ersten Jahre folgt ein deutliches Einpendeln seit 2004. Mir ist nicht klar, wie Sie hier von „weiter im Aufwärtstrend“ sprechen wollen.
Die Kurve hat im übrigen eine beachtliche Beweiskraft: Nämlich hinsichtlich der interessanten Frage, ob die in den letzten Jahren bereits umfangreich betriebenen Abschüsse zur Stabilisierung der Kormoran-Brutpaarzahlen geführt haben, oder ob es eben die von mir oben aus populationsbiologischer Sicht angeführten Lebensraumkapazitäten sind, die den Brutbestand nach kräftigem Anwachsen nun mehr und mehr begrenzen. Ich sage: Es ist letzteres und weise dabei darauf hin, dass Sie selbst im Diskussionsthema „Vergrämungsmethoden“ die langfristige Wirkungslosigkeit von „Reduktionsabschüssen“ eingeräumt haben. Zitat: „Eine ernsthafte Verringerung der Kormoranbestände ist mit der Waffe hingegen nicht zu bewerkstelligen.“ Damit wären wir uns an einem ganz entscheidenden Punkt schonmal einig! Die Vorstellung nämlich, durch regelmäßige Abschüsse regulierend eingreifen zu müssen, damit die Kormoranpopulation auf ein „verträgliches Maß“ (wie es immer so schön heißt) reduziert werden kann, hat sich als irreführend und letztlich erfolglos erwiesen.
Zu den Greifvögeln nur noch ganz kurz: Wenn unsere Kulturlandschaft weniger intensiv genutzt und damit für mehr Beutetiere sorgen würde, lägen die Bestände mancher Greifvogelarten sicher auch höher als sie sind. Warum auch nicht? Oder nehmen wir doch den Kranich: Der hat immens vom gestiegenen Maisanbau profitieren können und seine Bestände in ähnlich kurzer Zeit vervielfachen können. Wäre es nun irgendwie gerechtfertigt, ihn in die Schusslinie zu nehmen und regulieren zu wollen? Das würde wohl niemand behaupten. Zumindest solange er keine Fische frisst ;-)
Freundliche Grüße
Markus Nipkow
