NABU.de Aktionen & Projekte Willkommen Wolf! Hintergrund Wildtierforscher Alistair J. Bath
Gemeinsam Wege finden für den Wolf
Gemeinsam Wege finden für den Wolf
Ralf Schulte vom NABU im Gespräch mit dem kanadischen Professor A. J. Bath
Der NABU setzt sich für die Rückkehr der Wölfe in Deutschland ein. Ein Teil der Bevölkerung ist verunsichert, wie sie diesem Wildtier begegnen sollen. Im Laufe von mehr als 100 Jahren Abwesenheit sind uns die Wölfe fremd geworden. Ralf Schulte vom NABU-Bundesverband sprach mit dem renommierten kanadischen Prof. Dr. Alistair J. Bath, der als externer Berater bereits in verschiedenen europäischen Ländern sowie in den USA an der Erarbeitung von Wolfs- und Braunbär-Managementkonzepten mitgewirkt hat und als Hochschullehrer an den Universitäten von Newfoundland und München zu Fragen des Konfliktmanagements mit großen Wildtieren forscht und lehrt.
Alistair Bath und Ralf Schulte sprechen über die Zukunft des Wolfes in Deutschland.
NABU: Professor Bath, von Ihnen stammt das Zitat "Managing wildlife means managing humans". Es sagt aus, dass der Schutz von Wolf & Co. ohne die Beteiligung der indirekt oder direkt betroffenen Menschen nicht möglich sein wird. Was ist Ihrer Meinung nach notwendig, um mehr Akzeptanz für diese Tiere zu schaffen?
Alistair Bath: Ein Naturschutz, der akzeptiert werden will, muss bereit sein, den Betroffenen zuzuhören. Wir wurden mit zwei Ohren, aber nur einem Mund geboren. Wir sollten deshalb häufiger zuhören als reden. Bevor wir Entscheidungen fällen, müssen wir die Meinungen und Befindlichkeiten der Menschen kennen, die von unseren Entscheidungen betroffen sein werden. Glaubwürdigkeit und gegenseitiges Vertrauen sind letztendlich die Voraussetzungen für die Zusammenarbeit von Interessengruppen, die Entwicklung gemeinsamer Sichtweisen sowie die Verständigung auf Ziele und Lösungswege, die von allen mitgetragen werden.
Naturschutz ist also für mich ohne die Zusammenarbeit mit den Beteiligten nicht vorstellbar. Dieses gilt insbesondere dann, wenn es um große Raubtiere wie die Wölfe geht. Die Antwort auf die Frage, ob die Wölfe erhalten werden können, gibt uns nicht die Biologie allein. Sie leitet sich vielmehr von den gesellschaftlichen Faktoren ab. Ein biologisch noch so gut begründeter Managementplan für die Großraubtiere muss scheitern, wenn er nicht die Unterstützung der Menschen findet.
Wolfs-Nachwuchs in Deutschland: Welpe in der Muskauer Heide
NABU: Wie kann eine Gesellschaft lernen, ihren Lebens- und Wirtschaftsraum wieder mit Großraubtieren wie Wolf oder Luchs zu teilen?
Alistair Bath: Die Menschen zieht es immer stärker in die Städte. Die zunehmend dünner besiedelten ländlichen Gebiete bieten den großen Raubtieren ganz offensichtlich gute Lebensbedingungen. Früher wurde das Zusammenleben von Menschen und großen Beutegreifern von einfachen Regeln bestimmt. Wir müssen uns dieser Traditionen besinnen, wenn wir heute nach Wegen der Koexistenz suchen. Die in die ehemaligen Lebensräume zurückkehrenden Carnivoren gehen ganz offenbar davon aus, dass es dort genügend Lebensmöglichkeiten für sie gibt. Es ist jedoch an uns zu entscheiden, ob wir diese Lebensräume, die ja auch unsere Lebensräume sind, mit ihnen teilen wollen.
Die Entscheidung für die Wölfe kann aber nur gemeinsam getroffen werden. Ich würde deshalb niemals zu einer Interessensgruppe sagen: "Ihr müsst die Wölfe akzeptieren!" Ich versichere jedoch, dass mir bislang noch niemand begegnet ist, der die vollständige Ausrottung der Wölfe in seinem Land oder in seiner Region gefordert hätte. Nichts desto trotz haben Schäfer das legitime Interesse, dass ihre Schafe vor den Wölfen geschützt werden. Wenn das Wolfsmanagement dem Rechnung trägt, dann wird es erfolgreich sein.
Aus ökonomischer Sicht spricht zunehmender Wolfstourismus für eine Wiiederansiedlung des Wolfes.
NABU: Wie wichtig sind länderübergreifende Aktions- und Managementpläne für den Wolf und welchen Nutzen haben sie?
Alistair Bath: Große Beutegreifer, wie die Wölfe, sind in der Lage, über weite Strecken zu wandern. Ländergrenzen spielen dabei für sie keine Rolle. Der grenzübergreifende Informationsaustausch sowie die Absprache von Managementzielen und -maßnahmen ist deshalb unverzichtbar. In Deutschland ist die Zusammenarbeit der verschiedenen Länderregierungen gefragt und ihre Bundesregierung sollte sich mit den Nachbarländern auf gemeinsame Rahmenbedingungen des Wolfmanagements verständigen. Beim Wolf gilt dieses insbesondere für die Zusammenarbeit mit Polen.
Die Erfahrungen mit dem Braunbären, der im Sommer des letzten Jahres innerhalb weniger Tage verschiedene Staatsgrenzen überquerte, ist ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig die Zusammenarbeit ist. Die Regierungen müssen die Initiative ergreifen und sich mit den Vorstellungen und Meinungen der verschiedenen Interessengruppen vertraut machen. Nur wenn wir wissen, wie groß die Bereitschaft der betroffenen Menschen ist, mögliche Konflikte mit zu tragen, und wenn wir die Grenzen der Toleranz kennen, können wir dieses in den Managementkonzepten berücksichtigen. Die Vermeidung von Konflikt muss absoluten Vorrang vor dem Krisenmanagement haben.
NABU: Welche Rolle können Naturschützer bei der Rückkehr großer Wildtiere spielen?
Alistair Bath: Naturschützer spielen dabei natürlich eine wichtige Rolle. Ihre Rolle ist aber nicht wichtiger als die der Schäfer, der Jäger, der Biologen oder der anderen Interessengruppe. Die Positionen der verschiedenen Gruppen sind absolut gleichberechtigt. Ich rate dem Naturschutz deshalb, den anderen Interessengruppen aufmerksam zuzuhören und zu versuchen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Ich kenne sogar Fälle, in denen es den Naturschützern erfolgreich gelang - obwohl sie ja eigentlich als Interessengruppe nicht neutral sind - Dialogprozesse anzustoßen und dafür zu sorgen, dass alle Beteiligten gemeinsam an einer Lösung arbeiteten.
NABU: Welche Chancen sehen Sie in Deutschland, dass die Rückkehr des Wolfs nach Deutschland eine Erfolgsgeschichte wird?
Alistair Bath: "Dialogprozesse sind ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Erfolg."
Alistair Bath: Erfolg lässt sich auf sehr unterschiedliche Weise definieren. Es kommt dabei immer auf ihren Standpunkt an. Aus ökonomischer Sicht können Zuwächse im Wolfstourismus oder reduzierte Wolfsschäden an Haustieren Erfolge sein. Für Biologen wäre vielleicht die dauerhafte Ansiedlung eines Rudels, die Fortpflanzung der Tiere und die Gründung neuer Rudel ein Erfolg. Für die Gesellschaft wäre es unter Umständen ein Erfolg, wenn die verschiedenen Interessengruppen gemeinsam Wege finden, die das Zusammenleben mit den Wölfen ermöglichen. In diesem Zusammenhang könnte auch die Eindämmung der Wilderei ein Erfolg sein. Politische und rechtliche Erfolge würden sich einstellen, wenn es gelingt, die Befindlichkeiten der Betroffenen angemessen zu berücksichtigen und rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die an neue Situationen flexibel angepasst werden können.
Es liegt daher nicht an mir, die Faktoren für den Erfolg des Wolfschutzes in Deutschland zu benennen. Die verschiedenen Interessengruppen und die Öffentlichkeit werden darüber bestimmen, ob die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland eine Erfolgsstory wird. Zwingende Voraussetzung für den Erfolg ist aber, dass die unterschiedlichen Interessengruppen an einen Tisch kommen, ihre Meinungen, Anforderungen und Befindlichkeiten zum Thema Wolf vorbringen können und die Gespräche vom gegenseitigen Willen zur Zusammenarbeit geprägt sind. Derartige Workshops zur Frage der "human dimensions" des Wolfsmanagements sind zwar selbst noch kein Erfolg, sie sind aber ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Erfolg.
NABU: Vielen Dank für das interessante Gespräch.
Beitrag erstellt am 17. Juli 2007.

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