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Weniger Vögel in Städten und Dörfern

Vogelzählung zeigt aktuelle Trends

Ein ausführlicher Rückblick auf die „Stunde der Gartenvögel“ 2011

von Markus Nipkow

Es ist jedes Mal wieder spannend, die vielen Beobachtungsdaten unserer großen Mitmach-Aktion genauer unter die Lupe zu nehmen. Inzwischen blicken wir auf sieben Jahre zurück, in denen uns begeisterte Vogelfreunde mehr als 200.000 Datensätze mit Beobachtungen aus Gärten und Parks übersandt haben.

Die „Stunde der Gartenvögel“ hat Tradition: Seit sieben Jahren zählen Tausende mit dem NABU Vögel.

Die Meldungen dokumentieren deutschlandweit, wo welche Vogelarten vorkommen und in welcher Häufigkeit. Die Ergebnistabellen verzeichnen mehr als 200 Vogelarten, doch im Mittelpunkt der Aktion stehen vor allem die häufigeren Vogelarten. Über deren Vorkommen und Veränderungen über die Jahre kann die „Stunde der Gartenvögel“ recht genau Auskunft geben. Je „dünner“ die Daten einer Vogelart ausfallen, desto schwieriger ist es hingegen, Rückschlüsse aus den Beobachtungen zu ziehen.

43.000 Vogelfreunde nutzten diesmal das zweite Maiwochenende und meldeten alle Vögel, die sie im Zeitraum von einer Stunde im Garten oder vom Balkon aus entdecken konnten. Damit war die „Stunde der Gartenvögel“ erneut Deutschlands größte Vogelzählung. Bereits mit wenigen Mausklicks lässt sich in die vollständige Datenbank eintauchen. Interaktive Verbreitungskarten und Grafiken veranschaulichen die einzelnen Ergebnisse, und Suchfunktionen nach Bundesländern oder Landkreisen ermöglichen auch eigene Analysen und Vergleiche.

Haussperling, Jungvögel

So sehen die jungen Gewinner aus: Haussperlinge

An der Rangfolge der 10 häufigsten Arten ändert sich auf den ersten Blick meist wenig. Doch hier lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen. Trotz seiner Position als bundesweit unangefochtener Spitzenreiter ließ der Haussperling von Jahr zu Jahr „Federn“ – doch nun deutet sich erstmals eine Trendwende an: 2011 wurde er so häufig gemeldet wie in keinem der letzten fünf Jahre. Nur 2005 lagen die Zahlen noch deutlich darüber. Selbst in Nordrhein-Westfalen, wo stets die Amsel das Rennen um Platz 1 machte, übernahm der „Spatz“ diesmal die Führung.

Ähnliches lässt sich bei der Kohlmeise beobachten. Auch sie scheint sich wieder „zu fangen“, nachdem es bis 2009 kontinuierlich bergab ging. Dagegen gibt es für ihre kleinere Schwester, die Blaumeise, noch keine Entwarnung: Die „Stunde der Gartenvögel“ deutet immer mehr auf einen schleichenden Rückgang in Deutschlands Gärten hin – seit 2005 um nunmehr 20 Prozent.

Verschlechtern sich die Lebensbedingungen auch für „Allerweltsvogel“?

Amselhahn mit Raupen

Nie wurden weniger Amseln gesichtet als in diesem Jahr.

Unter’m Strich verzeichnet die Amsel einen Rückgang, der 2011 seinen bisherigen Tiefststand erreichte. Vermutlich hat die wochenlange Trockenheit dazu geführt, dass Amseln kaum noch an ihre Lieblingsnahrung – nämlich Regenwürmer – herankamen. Gerade die etwas älteren Jungvögel werden normalerweise mit ihnen aufgepäppelt, doch die Würmer zogen sich in tiefere Bodenschichten zurück und waren zudem durch die knochentrockene Erde für Amseln unerreichbar geworden. Zum Glück besteht für diese Art die Chance, solche Verluste durch weitere Bruten noch im selben Jahr auszugleichen. Ob der seit 2005 festzustellende Rückgang jedoch aufgehalten werden kann, werden erst die kommenden Jahre zeigen.

Top 10 Gartenvögel mit Trends seit 2005 (Zum vergößern Bild anklicken)

Der Star konnte 2011 seinen vierten Platz unter den häufigsten Gartenvögeln zurückerobern, den er seit 2007 inne hielt. Gleichzeitig deutet sich eine Stabilisierung seiner Zahlen an, die zuletzt rückläufig waren. Interessant ist beim Star auch die anhand der Beobachtungen entstandene Verbreitungskarte. Sie veranschaulicht, wie unterschiedlich diese Vogelart über Deutschland verteilt vorkommt: Von Ost nach West nimmt die Zahl der Stare ziemlich kontinuierlich ab. Am seltensten wurden sie aus Nordrhein-Westfalen gemeldet – übrigens ein Ergebnis, das sich von Jahr zu Jahr bestätigt und daher als besonders zuverlässig gelten kann.

„Licht und Schatten“ auch für Plätze 5 bis 10

Mauersegler

Wie viele Mauersegler man erblickt, hängt stark vom Insektenangebot ab.

Nach mehreren rückläufigen Jahren wurden 2011 erstmals wieder mehr Mehlschwalben und Mauersegler gezählt. Dazu muss man allerdings wissen, dass die in der Luft nach Insekten jagenden Schwalben und Segler je nach Witterung mal mehr und mal weniger „unterwegs“ sind. Bei ihnen werden die Beobachtungszahlen stärker als bei anderen Arten von den aktuellen Wetterverhältnissen am Aktionswochenende beeinflusst. Erklärungsbedürftig sind auch ihre besonders geringen Zahlen im Jahre 2005 und die der Elster: In unserem ersten Aktionsjahr waren diese drei Arten noch nicht auf dem Flyer abgebildet und wurden dadurch weniger beachtet. Um solche methodischen Fehler zu vermeiden, werden seitdem stets dieselben Arten abgebildet.

Wächst nun die Zahl der Elstern in den Himmel, wie manchmal behauptet wird? Ohne das Ausnahmejahr 2005 sieht es nach recht stabilen Verhältnissen beziehunsweise eher einer leicht rückläufigen Tendenz aus. Dasselbe gilt für die Rabenkrähe, die insgesamt wie im Vorjahr Platz 14 erreichte. Apropos Krähen – hier zeigt unsere digitale Karte, wie die Rabenkrähe nordöstlich der Elbe kaum noch aufritt, sondern dort von der Nebelkrähe vertreten wird.

Vogelarten mit wachsendem Bestend (Zum vergößern Bild anklicken)

Richtig stabil sieht es nach Datenlage auf Platz 9, beim Grünfink, aus. Das im Bereich von Sommerfütterungen immer wieder auftretende Grünfinkensterben scheint die Population bisher nicht spürbar zu treffen, zumindest bundesweit gesehen. Auffallend ist dagegen, dass noch nie so wenig Buchfinken gemeldet wurden wie 2011: 30 Prozent weniger als 2008, im bisher besten „Buchfinkenjahr“.

Ein Auf und Ab zeigt der allseits bekannte Hausrotschwanz. Er legte diesmal kräftig zu. Möglich, dass er in den nächsten Jahren in die „Top Ten“ aufsteigt. Sein naher Verwandter, der Gartenrotschwanz und „Vogel des Jahres“, befindet sich ebenfalls im Aufwind. Im vergangenen Jahr wurde er auf einmal doppelt so häufig gemeldet wie zuvor. Wir suchten schon nach einer möglichen Fehlerquelle. Doch das aktuelle Jahr bestätigt, dass sich sein Bestand wohl tatsächlich auf Erholungskurs befindet. Eine Erklärung könnte sein, dass in seinen Winterquartieren – den Savannen südlich der Sahara – seit einiger Zeit deutlich mehr Regen fiel. Wo es wieder grünt, da stellen sich auch mehr Insekten ein. Und so dürften es mehr Gartenrotschwänze als zuvor geschafft haben, auch die strapaziöse Zugstrecke wohlgenährt zu bewältigen. Einem der Lieblinge vieler Vogelfreunde, dem Rotkehlchen, scheint es dagegen zunehmend schlechter zu gehen. Abgesehen von 2008 zeigt sich ein negativer Trend von inzwischen 24 Prozent seit 2006.

Hausrotschwanz

Vielleicht steigt der Hausrotschwanz in den nächsten Jahren in die „Top Ten“ auf.

Die aktuelle „Stunde der Gartenvögel“ bestätigt, dass unsere Vogelwelt in Städten und Dörfern insgesamt mehr negative als positive Trends verzeichnet. Längerfristige Aufwärtsbewegungen lassen sich nur vereinzelt feststellen, wie beim Feldsperling, bei der Rauchschwalbe, bei Bachstelze, Mönchsgrasmücke, Dohle, Zilpzalp, Ringel- und Türkentaube.

Wo liegen die Ursachen dieser traurigen Entwicklung? Direkte Nachstellungen, wie etwa von Spatzen bis in die 1950er Jahre, sind hierzulande glücklicherweise Vergangenheit. Entlang der Zugwege und in Winterquartieren erleiden manche Arten zwar immer noch Verluste, doch unsere „Gartenvögel“ sind überwiegend Standvögel, bleiben also das ganze Jahr hindurch hier.

Die Ursachen sind also primär „hausgemacht“ und darum bei Veränderungen zu suchen, die unsere Gärten und Parks – aber auch die umgebende Kulturlandschaft – betreffen. Vögel sind sehr strukturgebunden, das bedeutet, sie benötigen bestimmte Requisiten in ihrem Lebensraum: Die einen für einen geeigneten Nistplatz, die anderen für das von ihnen benötigte Nahrungsangebot, wieder andere beispielsweise für Sitzwarten oder für Versteckmöglichkeiten. In pflegeleichten und phantasielos angelegten Gärten, die nur einen ordentlichen Rasen und vielleicht noch eine Hecke aus einem fremdländischen Gehölz zu bieten haben, suchen die Vögel solche Dinge vergebens. Kein Wunder, dass solche „Gartentrends“ auch in der Vogelwelt ihre Spuren hinterlassen: Die Bestände vieler Arten gehen damit weiter zurück.

mehr Alle Ergbnisse 2011: Interaktive Karte und Tabellen


Wie können wir helfen?

Der NABU möchte mit der „Stunde der Gartenvögel“ auch für mehr Naturnähe in unseren Gärten werben. Wer selber feststellt, dass im sterilen Garten buchstäblich „nix los“ ist, im benachbarten Naturgarten es aber munter zwitschert und sich dort ein Dutzend Vogelarten oder mehr tummelt, der begreift ganz unmittelbar, was zu tun ist. Schauen Sie einmal auf unseren Internetseiten, wie sie auch Ihren Garten in eine kleine Naturoase verwandeln können.

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